MALASTRANA
(LA
CORTA NOTTE DELLE BAMBOLE DI VETRO)
Italien
1971
Regie:
Aldo Lado
Darsteller:
Jean Sorel, Ingrid Thulin, Mario Adorf, Barbara Bach
DVD,
Koch Media, ca. 93 min., FSK ab 16
Gregory
Moore (Jean Sorel), amerikanischer Auslandskorrespondent, wird in Prag
tot aufgefunden. Eine Todesursache ist auf Anhieb nicht erkennbar und auch
die Leichenstarre will sich nicht in der üblichen Zeitspanne einstellen.
Doch während die Mediziner ebenso wie Moores Freunde und Kollegen
noch am Rätseln sind, ahnt niemand, daß der vermeintliche Tote
in Wirklichkeit noch lebendig und bei Bewußtsein ist.
In
einen Zustand todesähnlicher Katalepsie ohne jegliche nachweisbare
Lebensfunktionen versetzt und unfähig sich auf irgendeine Art zu artikulieren,
verfolgt Moore verzweifelt die Untersuchungen der Ärzte. Nach und
nach kehren auch seine Erinnerungen zurück und der Zuschauer erfährt
durch die Gedanken des Scheintoten die seltsame Vorgeschichte: Moore wollte
seiner tschechischen Geliebten Mira (Barbara Bach) die Ausreise in die
USA ermöglichen und hatte schon alle erforderlichen Papiere besorgt.
Doch eines Tages verschwand das Mädchen spurlos. Moore, der der einheimischen
Polizei mißtraut, beginnt - unterstützt von seinen Kollegen
Jack (Mario Adorf) und Jessica (Ingrid Thulin) - auf eigene Faust Nachforschungen
anzustellen. Seine Recherchen ergeben, daß in den letzten Jahren
schon eine ganze Reihe junger Frauen spurlos in Prag verschwand und schließlich
kommt er einem mysteriösen Geheimbund auf die Spur...
Die
deutsch-italienische Coproduktion "Malastrana" entstand 1971 in der Regie
von Aldo Lado und ist eines der ungewöhnlichsten Kapitel in der italienischen
Thrillergeschichte. Der Film ist keinesfalls ein typischer Giallo; die
für dieses Subgenre typischen Zutaten wie maskierte Killer, kunstvoll
inszenierte Morde oder erotische Obsessionen sucht man hier vergebens.
Stattdessen verbinden sich Stilmittel des Horror- und Kriminalfilms zu
einem bitterbösen Paranoia-Thriller mit okkulten Elementen. Im Schnittwechsel
zwischen Gegenwart (= Leichenschauhaus) und Vergangenheit (= Moores Untersuchungen)
baut sich die Story puzzlegleich auf und strebt mit schleichendem, aber
sich stetig steigernden Grauen dem schrecklichen Finale entgegen. Der Film
bietet keine Tour de Force der Schockeffekte, sondern nimmt sich ausgiebig
Zeit, um die Handlung zu entwickeln, die Charaktere vorzustellen und die
beklemmende Atmosphäre wachsen zu lassen. Die okkulte Facette der
Story - ein Bund unsterblicher Greise, der sich auf Kosten der Jugend turnusmäßig
das ewige Leben und die Macht sichert - ist nichts anderes, als eine politische
Metapher auf Totalitarismus und menschenverachtende Systeme (man bedenke
in diesem Kontext auch, daß der Prager Frühling noch nicht lang
zurücklag). Das Individuum findet sich hilflos in einem alles umspannenden
Netz aus Kontrolle, Intrigen und Lügen wieder; einer System-Maschinerie
ausgeliefert, die zur Erreichung ihrer Ziele ohne Probleme über Leichen
geht. Natürlich ist diese verrottete Moral machtbesitzender Zeitgenossen
ein grenzübergreifendes Übel und fand sich ebenso dies- wie jenseits
des Eisernen Vorhangs. Daß es möglich war, "Malastrana" in der
damaligen CSSR zu drehen, erstaunt im Nachhinein trotzdem; offensichtlich
hatten die verantwortlichen Funktionäre kein sonderlich ausgeprägtes
Interesse an dem Drehbuch. |
 |
Die
titelgebende Malá Strana ist übrigens einer der ältesten
Stadtteile von Prag und bot eine wirklich wunderschöne Kulisse für
die hier erzählte Geschichte - ein faszinierendes Gespinst verwinkelter
Altstadtgassen, die zugleich einladen, zugleich aber auch dunkle und uralte
Geheimnisse erahnen lassen. Der mysteriöse Zauber der Stadt Kafkas
trug gewiß nicht unwesentlich zu der gelungenen Stimmung des Films
bei.
"Malastrana"
war das Regiedebüt Aldo Lados und mutet dafür erstaunlich gelungen
und professionell an. Kameraführung, Ausleuchtung, Schnitttechnik
und der Einsatz von Geräuschen und Musik - all das wirkt gekonnt,
stets passend und läßt den Film vortrefflich funktionieren.
Der düstere Soundtrack von Ennio Morricone tut ein übriges, um
die Atmosphäre subtil zu verstärken. Auch an der Besetzung gibt
es wenig auszusetzen: Jean Sorel - ein französischer Schauspieler
der in den 60er/70er Jahren in zahlreichen italienischen Thrillern mitwirkte
- ist perfekt in der Hauptrolle des immer paranoider werdenden Gregory
Moore. Ihm zur Seite stehen die Schwedin Ingrid Thulin (de u. a. auch mit
Regisseuren wie Bergman und Visconti zusammenarbeitete) und der großartige
Mario Adorf, dessen Rolle hier zwar nicht sonderlich groß ist, von
ihm aber wieder einmal souverän und überzeugend ausgefüllt
wird. Eher in den Bereich des Obskuren fällt der Kurzauftritt des
Ballermann-Schlagerhelden Jürgen Drews, der hier als Hippiebarde zur
Wanderklampfe einen englischen Song zum Besten geben darf.
Zur
DVD-Umsetzung:
Koch
Media präsentiert diesen Klassiker wie gewohnt in einem hübsch
aufgemachten Digipack im Pappschuber und natürlich in ungeschnittener
Fassung (die in der damaligen deutschen Version nicht enthaltenen Szenen
werden in der englischen Fassung mit deutschen Untertiteln wiedergegeben).
Die Bildqualität (2.35:1) ist für das Alter des Films sehr gut
ausgefallen, offensichtlich lag hier das gleiche Master zu Grunde wie bei
der US-Veröffentlichung ("Short Night Of Glass Dolls") von Anchor
Bay. Beim Ton (DD 2.0, Deutsch und Englisch, Untertitel einblendbar) muß
man halt altersbedingt kleine Abstriche machen: Bei der deutschen Synchronfassung
fallen in den Dialogen gelegentlich leichte Übersteuerungen und Zischlaute
auf, die etwas leisere englische Fassung klingt in der Hinsicht sauberer.
Beide Sprachfassungen bieten jedoch eine ausgewogene Abmischung von Dialog
und Musik. Natürlich werden auch wieder einige Extras geboten: Der
interessanteste Bonusteil wäre wohl das ca. 23minütige Interview
mit Mario Adorf, das exklusiv für diese DVD produziert wurde. Darin
kann der Schauspieler sich zwar kaum noch an die Dreharbeiten zu "Malastrana"
erinnern, weiß aber jede Menge anderer interessanter Anekdoten aus
der damaligen Zeit zu berichten. Ferner gibt es den englischen Trailer,
eine Bildergalerie und selbstverständlich auch wieder ein 8seitiges
Booklet mit Liner Notes des Italo-Spezialisten Christian Keßler.
Als besonders kuriose Beigabe gibt es auch noch einen Audiokommentar von
Jürgen Drews. Im Film beschränkte sich die Rolle des "Königs
von Mallorca" ja glücklicherweise auf einen Kurzauftritt und dementsprechend
weiß Drews auch herzlich wenig über die Dreharbeiten oder Hintergründe
zu berichten und ergeht sich stattdessen in Erinnerungen an die 70er Jahre.
Dies ist zwar stellenweise recht amüsant (zumal Drews sich auch selbst
nicht zu ernst nimmt), wirft jedoch trotzdem die Frage nach Sinn oder Unsinn
eines solchen Extra-Features auf. Ein Interview mit Regisseur Aldo Lado
z. B. (auf der US-DVD von Anchor Bay enthalten) wäre doch wesentlich
interessanter gewesen.
©Thomas
Wagner |