| KONTROLL
Ungarn
2003
Regie:
Nimród Antal
Darsteller:
Sándor Csányi, Zoltán Mucsi, Sándor Badár,
Eszter Balla
DVD,
Sunfilm Entertainment, ca. 106 min., FSK ab 16
Die
Geschichte führt uns unter die Erde, genauer gesagt in den weitverzweigten
Mikrokosmos der Budapester U-Bahn. Im Mittelpunkt des Geschehens steht
eine Gruppe von Kontrolleuren, die dort der nimmer endenden Jagd nach Schwarzfahrern
nachgehen. Leiter des fünfköpfigen Trupps ist Bulcsú,
ein irgendwie undurchschaubarer Typ in abgewetzter Lederjacke, der nie
viel über sein Privatleben erzählt und eigentlich viel zu intelligent
für diesen Job erscheint. Niemand von seinen Kollegen ahnt, daß
er seit Jahren nicht mehr das Tageslicht gesehen hat und sein Leben nur
noch in der unterirdischen Welt der U-Bahn verbringt; tagsüber geht
er dort seinem freudlosen Job nach, nachts rollt er sich auf dem Bahnsteig
zum Schlafen zusammen oder streunt ziellos durch die Tunnelgewölbe.
Bulcsú
ist ein Aussteiger, ein Flüchtling vor dem Druck und den Anforderungen
der modernen Leistungsgesellschaft: Er floh vor dem realen Leben in der
Außenwelt und warf eine vielversprechende Karriere als Architekt
weg, um diese gegen die weitaus simpleren Regeln des Kontrolleursdaseins
zu tauschen. Daß dies keine sonderlich angenehme Tätigkeit ist,
steht außer Frage: Tagtäglich sind die Kontrolleure Ziel des
Spottes und der Aggressionen der Fahrgäste, müssen sich mit betrunkenen
Hooligans, Zuhältern oder konkurrierenden Kollegen auseinandersetzen,
die Schwarzfahrer tanzen ihnen ohnhin auf der Nase herum und schließlich
beginnt auch noch ein Serienkiller in der Metro sein Unwesen zu treiben,
der wahllos Fahrgäste vor die einfahrenden Züge stößt.
Eines Tages lernt Bulscú die junge Szofi kennen, Tochter des Metrofahreres
Béla, die – in ein skurriles Bärenkostüm gekleidet - ihre
Tage mit ziellosen (Schwarz-)Fahrten kreuz und quer durch das U-Bahn-Netz
verbringt. Er verliebt sich in das Mädchen und sein bis dahin perspektivloses
Dasein scheint plötzlich wieder einen Sinn zu erhalten. Doch zugleich
setzt er es sich zum Ziel, den unheimlichen Mörder zur Strecke zu
bringen...
Dachte
man als Bewohner der westlichen Hemisphäre beim Stichwort Ungarn bislang
überwiegend an Gulasch und Paprika, und brachte das Land filmisch
am ehesten noch mit Béla Lugosi in Verbindung, werden einem durch
Nimród Antals 2003 entstandenes Spielfilmdebüt neue Horizonte
eröffnet: „Kontroll“ ist ein ausgesprochen einfallsreich inszenierter
Genre-Crossover zwischen Thriller, Fantasy, grotesker Komödie und
märchenhaftem Drama, der sich keinesfalls hinter westlichen Produktionen
zu verstecken braucht. Handwerklich erfreut der Film mit einer wirklich
exzellenten Kameraarbeit, stimmungsvoller Ausleuchtung und rasanten Schnittfolgen,
ohne dabei jedoch in die Stilmittel ausgelutschter Videoclipklischees zu
verfallen; für eine adäquate musikalische Untermalung sorgt der
Soundtrack des Elekronikprojekts NEO. Auf CGI-generierten Effektmumpitz
und Retortenkulissen wurde verzichtet. Stattdessen arbeitete man on location
in der Budapester Metro (übrigens existent seit 1896 und somit die
älteste U-Bahn auf dem europäischen Kontinent), was natürlich
zu etwas unorthodoxen Drehzeiten – täglich von 23:30-4:30 Uhr, in
dieser Zeit fährt die U-Bahn nicht – führte. Brachte dieser Drehort
auch mancherlei Probleme mit sich, verlieh er dem Film doch eine spezielle
Atmosphäre und einen authentisch „dreckigen“ Look, der anders wohl
kaum zu realisieren gewesen wäre. Doch trotz dieser Authentizität
ist es nicht knochentrockener Realismus, der die Qualität von „Kontroll“
ausmacht und es geht keinesfalls darum, die alltägliche Wirklichkeit
in der Budapester Metro wiederzugeben. Ort und Zeit sind hier nicht definiert,
laut Regisseur Antal könnte die Geschichte in irgendeiner U-Bahn in
einer x-beliebigen Stadt irgendwo auf der Welt angesiedelt sein; hier wird
an die Phantasie des Zuschauers appelliert, der im Verlauf des Films ohnehin
noch reichlich Nahrung geboten wird. Das ausgedehnte Metro-Tunnelsystem
– eine Welt unter der Welt – scheint Tummelplatz aller Verrückten
und Outcasts der Stadt zu sein.
Dies
gilt für viele der Fahrgäste ebenso wie für die notorischen
Schwarzfahrer und nicht zuletzt vor allem auch für das Metro-Personal:
Die leitenden Angestellten präsentieren sich krawattengewappnet als
sinistre Zeitgenossen mit dem Charme von Mafiosi und einer psychothischen
Neigung zu Gewaltausbrüchen. |
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Die
Kontrolleure – das allerletzte Glied in der Kette – sind eine Ansammlung
neurotischer Verlierer, die längst den Bezug zur Außenwelt verloren
zu haben scheinen und stellenweise einen schon lächerlich anmutenden
Ehrgeiz in ihre Arbeit legen (so gibt es Neid um neue Uniformjacken und
eine schon handgreiflich eskalierende Rivalität zwischen den Einsatzgruppen).
Doch zumindest in Bulcsús Truppe wirken diese skurrilen Charaktere
durchaus sympathisch: Da ist der „Professor“, ein irgendwie liebenswerter
älterer Typ, der sich durch trockenen Humor und eine akribische Kenntnis
der Beförderungsvorschriften auszeichnet. Da ist Muki, der an Narkolepsie
leidet und in den unpassendsten Momenten einschläft (so fällt
er zu Beginn des Films mit dem Gesicht in eine Pommesportion). Und da wären
der etwas klein geratene, dafür aber um so großmäuligere
Lecsó und der junge Tibi, der zwar etwas schwer von Begriff, aber
ein wirklich nettes Kerlchen ist.
Für
Bulcsú selbst, den Antihelden par excellence, ist die Metro ein
persönliches Exil geworden, in dem er sich vor der eigenen Vergangenheit
versteckt, was ihm jedoch mehr schlecht als recht gelingt. Niemand kann
auf Dauer vor sich selbst davonlaufen und als er dort zufällig einem
ehemaligen Architektenkollegen begegnet, erzählt er diesem ein Märchen
von einem neuen Job im Ausland und verschweigt schamhaft seine Existenz
als Kontrolleur. Seine einzige richtige Bezugsperson ist der alte Béla,
der einst Lokführer war, nach einem selbstverschuldeten Unfall jedoch
ebenfalls sein Exil unter der Erde fand und dort nun als Metrofahrer arbeitet.
Auch dessen Tochter Szofie hat – wie einmal kurz angedeutet wird – ihren
Job in der Außenwelt hingeschmissen, doch sie hat längst noch
nicht mit ihrem Leben abgeschlossen. Als Bulcsú sie kennenlernt
und sich zwischen den beiden ganz langsam, vorsichtig eine zarte Liebesgeschichte
zu entwickeln beginnt, sieht er auf einmal wieder Hoffnung in seinem Leben.
Die Jagd auf den Killer schließlich wird für ihn zu einer essentiellen
Aufgabe, als gelte es, sich selbst zu besiegen (tatsächlich sieht
der mordende Anonymus ihm auch auffallend ähnlich und es bleibt eine
Zeit lang unklar, ob sie nicht ein und dieselbe Person sind). Der fast
schon mytisch anmutende Koampf zwischen Gut und Böse bestimmt den
Ausgang der Geschichte, an deren Ende sich Bulcsú endlich wieder
selbst in die Augen sehen kann. In einer wunderschön realisierten
Szene fährt er zum Schluß an Szofies Seite – die ihr Bärenkostüm
nun gegen ein Engelsoutfit getauscht hat – die Rolltreppen empor ans Licht.
„Kontroll“
bietet eine kotrastreiche Revue aus rasant inszenierter Spannung, skurrilsten
schwarzhumorigen Einlagen, düster atmosphärischen Szenen und
offeriert zugleich auch eine sehr sensible Betrachtung menschlicher Gefühlswelten.
Manchmal erscheint es fast, als wäre diese geballte Mischung zuviel
für die 105 Minuten Laufzeit, als würden manche Handlungsstränge
nur angerissen und dann quasi im Nichts verlaufen. Beim wiederholten Anschauen
des Films relativiert sich dieser Eindruck jedoch, man entdeckt noch weitere
Facetten und Puzzleteilchen, die sich zu einem wunderbar funktionierenden
Gesamtbild zusammenfügen. Dies ist europäisches Kino auf hohem
handwerklichen und schauspielerischen Niveau, das auch im internationalen
Vergleich nicht so schnell seinesgleichen findet.
Zur
DVD-Umsetzung:
Sunfilm
Entertainment präsentiert „Kontroll“ als Special Edition inklusive
einer Bonus-DVD. Bild (16:9, 1:1,85 anamorph) und Sound (Deutsch in DTS
und DD 5.1, Ungarisch in DD 5.1, deutsche Untertitel sind einblendbar)
erfreuen in einer durchweg guten Qualität. Sämtliche Extras finden
sich auf der zweiten DVD, geboten werden hier: Trailer, Textinfos zu Regsseur
Nimród Antal und Hauptdarsteller Sándor Csányi, recht
interessante Textinfos zur Produktion und zur Budapester Metro, Storyboards,
ein Making Of (sehr interessant, mit 16 Minuten jedoch etwas kurz ausgefallen)
sowie insgesamt 13 geschnittene Szenen inkl. einleitender
(Text-)
Vorworte des Regisseurs. Als Kritikpunkt ist anzumerken, daß sich
das Menü auf der Bonus-DVD stellenweise etwas unpraktisch bedienen
läßt: Das Ganze ist im Netzplanlook gestylt und bei einigen
Menüpunkten klickt man erst umständlich im Kreis herum, bis man
zum gewünschten Feature gelangt. Davon abgesehen kann diese Veröffentlichung
jedoch vollauf überzeugen.
©Thomas
Wagner |