Vampyre Planet-Zine

Stories, Gedichte
Fanfiction
Rezensionen: 
Bücher & Comics 
Interviews
Vamporium: Essays
Cinema
Musik
Fin de Siecle 
Mondgedichte
 


 

Laurin
Gibt es den deutschen Phantastischen Film? Nein, eigentlich nicht, bzw. schon lang nicht mehr. Wie er jedoch sein könnte, führt beein- druckend Robert Sigls Laurin vor Augen: In einem kleinen nord- deutschen Hafenort lebt Anfang des 20. Jahrhunderts die neunjährige Laurin mit ihrer Familie. Eines Abends kommt Laurins Mutter Flora unter mysteriösen Umständen ums Leben: Nachdem sie ihren Mann Arne, einen Seemann, zum Hafen begleitet hat, stürzt sie auf dem Heimweg von einer Brücke und ertrinkt im eiskalten Wasser des Flusses. In der gleichen Nacht verschwindet ein Zigeunerjunge spurlos … 

weiterlesen...


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

KONTROLL 

Ungarn 2003
Regie: Nimród Antal 
Darsteller: Sándor Csányi, Zoltán Mucsi, Sándor Badár, Eszter Balla

DVD, Sunfilm Entertainment, ca. 106 min., FSK ab 16

Die Geschichte führt uns unter die Erde, genauer gesagt in den weitverzweigten Mikrokosmos der Budapester U-Bahn. Im Mittelpunkt des Geschehens steht eine Gruppe von Kontrolleuren, die dort der nimmer endenden Jagd nach Schwarzfahrern nachgehen. Leiter des fünfköpfigen Trupps ist Bulcsú, ein irgendwie undurchschaubarer Typ in abgewetzter Lederjacke, der nie viel über sein Privatleben erzählt und eigentlich viel zu intelligent für diesen Job erscheint. Niemand von seinen Kollegen ahnt, daß er seit Jahren nicht mehr das Tageslicht gesehen hat und sein Leben nur noch in der unterirdischen Welt der U-Bahn verbringt; tagsüber geht er dort seinem freudlosen Job nach, nachts rollt er sich auf dem Bahnsteig zum Schlafen zusammen oder streunt ziellos durch die Tunnelgewölbe.

Bulcsú ist ein Aussteiger, ein Flüchtling vor dem Druck und den Anforderungen der modernen Leistungsgesellschaft: Er floh vor dem realen Leben in der Außenwelt und warf eine vielversprechende Karriere als Architekt weg, um diese gegen die weitaus simpleren Regeln des Kontrolleursdaseins zu tauschen. Daß dies keine sonderlich angenehme Tätigkeit ist, steht außer Frage: Tagtäglich sind die Kontrolleure Ziel des Spottes und der Aggressionen der Fahrgäste, müssen sich mit betrunkenen Hooligans, Zuhältern oder konkurrierenden Kollegen auseinandersetzen, die Schwarzfahrer tanzen ihnen ohnhin auf der Nase herum und schließlich beginnt auch noch ein Serienkiller in der Metro sein Unwesen zu treiben, der wahllos Fahrgäste vor die einfahrenden Züge stößt. Eines Tages lernt Bulscú die junge Szofi kennen, Tochter des Metrofahreres Béla, die – in ein skurriles Bärenkostüm gekleidet - ihre Tage mit ziellosen (Schwarz-)Fahrten kreuz und quer durch das U-Bahn-Netz verbringt. Er verliebt sich in das Mädchen und sein bis dahin perspektivloses Dasein scheint plötzlich wieder einen Sinn zu erhalten. Doch zugleich setzt er es sich zum Ziel, den unheimlichen Mörder zur Strecke zu bringen... 

Dachte man als Bewohner der westlichen Hemisphäre beim Stichwort Ungarn bislang überwiegend an Gulasch und Paprika, und brachte das Land filmisch am ehesten noch mit Béla Lugosi in Verbindung, werden einem durch Nimród Antals 2003 entstandenes Spielfilmdebüt neue Horizonte eröffnet: „Kontroll“ ist ein ausgesprochen einfallsreich inszenierter Genre-Crossover zwischen Thriller, Fantasy, grotesker Komödie und märchenhaftem Drama, der sich keinesfalls hinter westlichen Produktionen zu verstecken braucht. Handwerklich erfreut der Film mit einer wirklich exzellenten Kameraarbeit, stimmungsvoller Ausleuchtung und rasanten Schnittfolgen, ohne dabei jedoch in die Stilmittel ausgelutschter Videoclipklischees zu verfallen; für eine adäquate musikalische Untermalung sorgt der Soundtrack des Elekronikprojekts NEO. Auf CGI-generierten Effektmumpitz und Retortenkulissen wurde verzichtet. Stattdessen arbeitete man on location in der Budapester Metro (übrigens existent seit 1896 und somit die älteste U-Bahn auf dem europäischen Kontinent), was natürlich zu etwas unorthodoxen Drehzeiten – täglich von 23:30-4:30 Uhr, in dieser Zeit fährt die U-Bahn nicht – führte. Brachte dieser Drehort auch mancherlei Probleme mit sich, verlieh er dem Film doch eine spezielle Atmosphäre und einen authentisch „dreckigen“ Look, der anders wohl kaum zu realisieren gewesen wäre. Doch trotz dieser Authentizität ist es nicht knochentrockener Realismus, der die Qualität von „Kontroll“ ausmacht und es geht keinesfalls darum, die alltägliche Wirklichkeit in der Budapester Metro wiederzugeben. Ort und Zeit sind hier nicht definiert, laut Regisseur Antal könnte die Geschichte in irgendeiner U-Bahn in einer x-beliebigen Stadt irgendwo auf der Welt angesiedelt sein; hier wird an die Phantasie des Zuschauers appelliert, der im Verlauf des Films ohnehin noch reichlich Nahrung geboten wird. Das ausgedehnte Metro-Tunnelsystem – eine Welt unter der Welt – scheint Tummelplatz aller Verrückten und Outcasts der Stadt zu sein. 

Dies gilt für viele der Fahrgäste ebenso wie für die notorischen Schwarzfahrer und nicht zuletzt vor allem auch für das Metro-Personal: Die leitenden Angestellten präsentieren sich krawattengewappnet als sinistre Zeitgenossen mit dem Charme von Mafiosi und einer psychothischen Neigung zu Gewaltausbrüchen. 


Die Kontrolleure – das allerletzte Glied in der Kette – sind eine Ansammlung neurotischer Verlierer, die längst den Bezug zur Außenwelt verloren zu haben scheinen und stellenweise einen schon lächerlich anmutenden Ehrgeiz in ihre Arbeit legen (so gibt es Neid um neue Uniformjacken und eine schon handgreiflich eskalierende Rivalität zwischen den Einsatzgruppen). Doch zumindest in Bulcsús Truppe wirken diese skurrilen Charaktere durchaus sympathisch: Da ist der „Professor“, ein irgendwie liebenswerter älterer Typ, der sich durch trockenen Humor und eine akribische Kenntnis der Beförderungsvorschriften auszeichnet. Da ist Muki, der an Narkolepsie leidet und in den unpassendsten Momenten einschläft (so fällt er zu Beginn des Films mit dem Gesicht in eine Pommesportion). Und da wären der etwas klein geratene, dafür aber um so großmäuligere Lecsó und der junge Tibi, der zwar etwas schwer von Begriff, aber ein wirklich nettes Kerlchen ist. 

Für Bulcsú selbst, den Antihelden par excellence, ist die Metro ein persönliches Exil geworden, in dem er sich vor der eigenen Vergangenheit versteckt, was ihm jedoch mehr schlecht als recht gelingt. Niemand kann auf Dauer vor sich selbst davonlaufen und als er dort zufällig einem ehemaligen Architektenkollegen begegnet, erzählt er diesem ein Märchen von einem neuen Job im Ausland und verschweigt schamhaft seine Existenz als Kontrolleur. Seine einzige richtige Bezugsperson ist der alte Béla, der einst Lokführer war, nach einem selbstverschuldeten Unfall jedoch ebenfalls sein Exil unter der Erde fand und dort nun als Metrofahrer arbeitet. Auch dessen Tochter Szofie hat – wie einmal kurz angedeutet wird – ihren Job in der Außenwelt hingeschmissen, doch sie hat längst noch nicht mit ihrem Leben abgeschlossen. Als Bulcsú sie kennenlernt und sich zwischen den beiden ganz langsam, vorsichtig eine zarte Liebesgeschichte zu entwickeln beginnt, sieht er auf einmal wieder Hoffnung in seinem Leben. Die Jagd auf den Killer schließlich wird für ihn zu einer essentiellen Aufgabe, als gelte es, sich selbst zu besiegen (tatsächlich sieht der mordende Anonymus ihm auch auffallend ähnlich und es bleibt eine Zeit lang unklar, ob sie nicht ein und dieselbe Person sind). Der fast schon mytisch anmutende Koampf zwischen Gut und Böse bestimmt den Ausgang der Geschichte, an deren Ende sich Bulcsú endlich wieder selbst in die Augen sehen kann. In einer wunderschön realisierten Szene fährt er zum Schluß an Szofies Seite – die ihr Bärenkostüm nun gegen ein Engelsoutfit getauscht hat – die Rolltreppen empor ans Licht. 

„Kontroll“ bietet eine kotrastreiche Revue aus rasant inszenierter Spannung, skurrilsten schwarzhumorigen Einlagen, düster atmosphärischen Szenen und offeriert zugleich auch eine sehr sensible Betrachtung menschlicher Gefühlswelten. Manchmal erscheint es fast, als wäre diese geballte Mischung zuviel für die 105 Minuten Laufzeit, als würden manche Handlungsstränge nur angerissen und dann quasi im Nichts verlaufen. Beim wiederholten Anschauen des Films relativiert sich dieser Eindruck jedoch, man entdeckt noch weitere Facetten und Puzzleteilchen, die sich zu einem wunderbar funktionierenden Gesamtbild zusammenfügen. Dies ist europäisches Kino auf hohem handwerklichen und schauspielerischen Niveau, das auch im internationalen Vergleich nicht so schnell seinesgleichen findet. 
 

Zur DVD-Umsetzung: 
Sunfilm Entertainment präsentiert „Kontroll“ als Special Edition inklusive einer Bonus-DVD. Bild (16:9, 1:1,85 anamorph) und Sound (Deutsch in DTS und DD 5.1, Ungarisch in DD 5.1, deutsche Untertitel sind einblendbar) erfreuen in einer durchweg guten Qualität. Sämtliche Extras finden sich auf der zweiten DVD, geboten werden hier: Trailer, Textinfos zu Regsseur Nimród Antal und Hauptdarsteller Sándor Csányi, recht interessante Textinfos zur Produktion und zur Budapester Metro, Storyboards, ein Making Of (sehr interessant, mit 16 Minuten jedoch etwas kurz ausgefallen) sowie insgesamt 13 geschnittene Szenen inkl. einleitender 
(Text-) Vorworte des Regisseurs. Als Kritikpunkt ist anzumerken, daß sich das Menü auf der Bonus-DVD stellenweise etwas unpraktisch bedienen läßt: Das Ganze ist im Netzplanlook gestylt und bei einigen Menüpunkten klickt man erst umständlich im Kreis herum, bis man zum gewünschten Feature gelangt. Davon abgesehen kann diese Veröffentlichung jedoch vollauf überzeugen.
 
 

©Thomas Wagner