DER
KILLER VON WIEN
(LO
STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH)
Italien
1970
Regie:
Sergio Martino.
Darsteller:
Edwige Fenech, George Hilton, Alberto de Mendoza, Ivan Rassimov
DVD,
Koch Media, ca. 97 min., FSK ab 16
Julie
Wardh (Edwige Fenech) ist mit einem respektablen amerikanischen Geschäftsmann
verheiratet und könnte eigentlich ein beschaulich gutbürgerliches
Dasein jenseits aller profanen Nöte führen. Doch als sie ihren
Gatten Neil (Alberto de Mendoza) auf einer Geschäftsreise nach Wien
begleitet, wird sie in der Donaumetropole schnell von ihrer Vergangenheit
eingeholt: Sie trifft dort nicht nur eine alte Freundin wieder, sondern
begegnet auch noch ihrem Ex- Liebhaber Jean (Ivan Rassimov).
Julies
Freude über dieses Wiedersehen hält sich in Grenzen, denn nur
zu deutlich sind ihr noch Jeans sadomasochistische Vorlieben in Erinnerung
und am liebsten würde sie die Zeit mit ihm aus ihrem Leben tilgen.
Doch der erinnert sich nur zu gern an die gemeinsamen Tage zurück
und macht sich prompt daran, der verflossenen Geliebten mit Rosensträußen
und verschlüsselten Botschaften nachzustellen, während zeitgleich
auch noch ein brutaler Frauenmörder in Wien umgeht. Als Julie, die
sich von ihrem Mann immer mehr vernachlässigt fühlt, schließlich
eine Affaire mit dem charmanten George Corro (George Hilton) beginnt, wird
sie von einem Unbekannten erpresst und findet sich schließlich selbst
als Ziel des geheimnisvollen Killers wieder...
"Der
Killer von Wien" (im Original "Lo strano vizio della Signora Wardh" - was
zu deutsch "Das seltsame Laster der Signora Wardh" - betitelt) entstand
1970 in der Regie von Sergio Martino, der damit sein Giallo-Debüt
vorlegte und zugleich einen der schönsten und spannendsten Vertreter
dieses typisch italienischen Subgenres erschuf. Der teils an Wiener Originalschauplätzen
gedrehte Film bietet alles, was einen richtigen Giallo ausmachen sollte
und zelebriert diese Elemente in meisterhafter Perfektion: Eine visuell
elegante Inszenierung und ein herrlich schrilles 70er Jahre Design, ungewöhnliche
Aufnahmewinkel, rasante und wenig zimperlich geratene Mordszenen, viele
Verdächtige, einen schwarz maskierten Killer und im Zentrum eine schöne
Frau als dessen Ziel. Die genretypische, hochästhetisierte Verbindung
von Thrillerelementen mit obsessiver Erotik funktioniert hier perfekt.
Doch der Film bietet nicht nur durchgestylten Augenschmaus und kribbelnde
Atmosphäre, seine Story funktioniert auch unter konventionellen Krimigesichtspunkten
ausgezeichnet, führt den Zuschauer von einer falschen Fährte
auf die nächste und überrascht schließlich mit einer gänzlich
unerwarteten Wendung. Abgerundet wird das Ganze von einem wunderschönen
Soundtrack Nora Orlandis, bei dem sich übrigens mehr als drei Jahrzehnte
später Quentin Tarantino in "Kill Bill: Vol. 2" bediente. |
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Sergio
Martino ist einer der großen talentierten Handwerker des italienischen
Genrekinos; er mag zwar kein künstlerischer Visionär wie Mario
Bava sein, kann sich aber in seinen besten Arbeiten durchaus mit Dario
Argento messen. So gibt es im "Killer von Wien" schöne atmosphärische
Schauplätze wie z. B. den Schloßpark von Schönbrunn, surreal
anmutende Flashbacks, ausgeklügelte Kamerafahrten und -perspektiven,
subtile Schnittfolgen und schließlich sogar auch noch eine Hommage
an Hitchcocks Duschmordszene in "Psycho". Durchweg überzeugend ist
auch die Besetzung, allen voran die gebürtige Französin Edwige
Fenech, die in den 70er Jahren als blickfangende Scream Queen im italienischen
Genrekino Furore machte und mit ihrer Präsenz zahlreichen Thrillern
das gewisse Etwas verlieh. George Hilton führt den Zuschauer als als
undurchsichtig smarter Playboy an der nase herum, Ivan Rassimov liefert
eine grandiose Performance als diabolischer Ex-Geliebter und Alberto de
Mendoza überzeugt als betulicher Bourgeois, hinter dessen seriöser
Maske doch so manche Überraschung lauert. Bis 1973 drehte Sergio Martino
noch vier Thriller, in denen noch zweimal Edwige Fenech mitwirkte. In den
späten 70er Jahren paßte der Regisseur sich dem geänderten
Publikumsgeschmack an, drehte Komödien, Erotik-, Kriegs- und Actionfilme;
seit den 80er Jahren ist er auch verstärkt für das italienische
Fernsehen aktiv. Zu der Eleganz und Perfektion seiner frühen Thriller
hat Sergio Martino leider nie mehr zurückgefunden.
Zur
DVD-Umsetzung:
Die
liebevoll aufgemachte Veröffentlichung von Koch Media - ein schön
illustriertes Digipack im Pappschuber - wird dem "Killer von Wien" voll
und ganz gerecht. Das Bild (2.35:1) erfreut mit einer sehr guten Qualität,
kräftigen Farben und schönen Kontrasten. Auch der Ton (DD 2.0,
Deutsch und Italienisch, deutsche Untertitel vorhanden) vermag durchweg
zu überzeugen und weist keinerlei störende Verzerrungen oder
Übersteuerungen auf. Auch die Extras können sich sehen lassen:
Da wäre erstmal die 32minütige Dokumentation "Dark Fears Behind
The Door" (die auch Bestandteil der zuvor erschienenen US-Veröffentlichung
des Films war), in der Sergio Martino, Edwige Fenech, George Hilton, Produzent
Luciano Martino und Drehbuchautor Ernesto Gastaldi zu Wort kommen. Ferner
gibt es ein 13minütiges Interview mit der Komponistin Nora Orlandi,
den italienischen Originaltrailer und eine hübsche Bildergalerie mit
Werbematerial. Der 6minütige Beitrag "Austrofred - Tu felix Austria
nude" ist eine eher überflüssige Zugabe, in der der österreichischeEntertainer
(?) Austrofred unwichtigen Senf von sich gibt - aber egal, man muß
sich das ja nicht anschauen. Erwähnenswerter ist da natürlich
schon das 8seitige Booklet, für das Italo-Spezialist Christian Keßler
einmal wieder informative Liner Notes verfaßte.
©Thomas
Wagner |