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Vorschau:
Medusas Spiegelbild - Barbara Steele in "La Maschera del Demonio"

"Entering the cool, dark set was like entering a medieval cathedral on a midsummer afternoon. Echoes of an ancient civilization that has been dormant for centuries. This odd silence descended upon us, this hushed, suspended world ... The whole film was so monochromatic that nobody, not even a crew member, wore a single color on the set - hypnotically beautiful ..." 
Barbara Steele über die Dreharbeiten zu LA MASCHERA DEL DEMONIO

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Christopher Lee
Der Schauspieler Christopher Lee, Sproß einer Fürstin aus alter italienischer Adelsfamilie und eines britischen Offiziers, hatte schon vorher für Hammer Monstren verkörpert. So spielte er beispielsweise 1957 das mißgestaltete, wegen seines ungewohnten Make-up geschmähten und gelobten Frankensteinmonster. Im Jahre 1958 dann drehten die Hammer ihren ersten Vertreter aus dem DRACULA-Zyklus, der insgesamt sieben Filme mit Lee in der Hauptrolle umfassen sollte. HORROR OF DRACULA war ein noch eng an die Stoker-Vorlage angelehnter, aber mit modernen Mitteln, expliziter Tricktechnik und dynamischer Handlung versehener Streifen.

Das Publikum war begeistert, die Hammer drehten Fortsetzungen: DRACULA, PRINCE OF DARKNESS folgte 1965, danach 1968 DRACULA HAS RISEN FROM THE GRAVE, 1970 TASTE THE BLOOD OF DRACULA und SCARS OF DRACULA, im Jahre 1971 DRACULA A.D.
Ein schockierender Moment, hervorragend in Szene gesetzt und unvergeßlich, wenn Dracula das erste Mal mit blutüberströmtem Gesicht und gereizt gefletschtem Raubgebiß ganz groß ins Bild kommt. Zu der beeindruckenden Wirkung Christopher Lees, der mit klassisch schwarzem Anzug und langem Cape in Szene gesetzt wurde, hat nicht zuletzt die orchestrale und ungemein stimmungsvolle Musik von James Bernard beigetragen. Zum ersten Male wurden die Fangzähne so offen gebleckt, starrten des Grafen knallrote Kontaktlinsen von der Leinwand auf die Zuschauer.

Scars of Dracula

1972 und 1973 schließlich als letzter der Reihe THE SATANIC RITES OF DRACULA. Es hatte sich als Fehler erwiesen, daß man in THE BRIDES OF DRACULA (1960) die Titelrolle nicht mit Christopher Lee, sondern mit dem blonden, kühl aussehenden David Peel besetzt hatte. Regisseur Terence Fisher mußte für diesen Fehler büßen, so viel Freiheiten wie zuvor hat er in den späteren Filmproduktionen nicht mehr genossen.

Die Hammer-Filme waren Kinder ihrer Zeit, Wertewandel und Fall veralteter Moralvorstellungen und gesellschaftlicher Strukturen waren in ihnen zu filmischer Metapher symbolisiert. Nach der Überwindung der schlimmen Jahre und der Wiederkehr sozialer Sicherheit war der Vampirfilm als Verschlüsselung sozialer Krisen so nicht mehr gefragt. Im Vordergrund der Hammer-Vampirfilme stand vielmehr das Streben nach Lustgewinn.
Der durchschlagende Erfolg der Hammer-Draculafilme ist sicherlich in der neuzeitlichen, drastischen Darstellung von Eros und Gewalt zu suchen. Nie zuvor waren die Dinge mit solcher Deutlichkeit und in strahlender Technicolor gezeigt worden. Lees Darstellung des Grafen war weniger auf gesellschaftliche Eleganz, wie sie der Salonlöwe Lugosi geboten, sondern vielmehr auf die Persönlichkeit des dominanten Liebhabers und sadistischen Teufels bei Konflikten angelegt. Die sadistische Seite wurde für den Zuschauer noch dadurch verstärkt, daß Dracula kaum noch mit seinen Opfern redete - hypnotisierend hinblicken, zugreifen und sich das Opfer nehmen war eins.

Der Zeitgeist erlaubte es, daß die Darstellungen allgemein freizügiger wurden - in den 50er und 60er Jahren waren allerdings die puren Erotikfilme, wie wir sie aus den 70ern kennen, noch nicht "gestattet". In keinem Vampirfilm zuvor waren die Angriffe und das Blutsaugen einbegriffen der weiblichen Reaktion auf das Gebissenwerden je gezeigt worden. Die schrecklichen Ereignisse hatten sich im Off abgespielt, bestenfalls hinter dem vorgehaltenen Cape. Wenn Christopher Lee nun seine langen dünnen Finger über die bloßen Schultern des Opfers laufen ließ und seine Lippen sich den Weg von ihrem Mund zur Halsschlagader abwärts tasteten, prickelte die Luft im Kino. Diese Szenen sind so sinnlich abgefilmt worden und sprechen in all ihrer Kürze so deutlich für sich, daß wir uns weitere Erklärungen schenken können. 
Nie zuvor waren der Reiz des Normverstoßes und daraus resultierende Lustgewinn so deutlich gezeigt worden. Auch die Werbeplakate für HORROR OF DRACULA waren ziemlich deutlich, aber mit starken ironischen Untertönen versehen, um moralischen Einwänden entgegenzuwirken.

Glücklicherweise beschränkte sich die Produktion an Vampirfilmen aber nicht nur auf Großbritannien. In anderen Ländern gab es andere Filme; nationalspezifische Vampirfilme wurden in Spanien, Mexiko, sogar auf den Philippinen und in Malaysia gedreht.

Der italienische Horrorfilm der 60er Jahre hat sich weniger ausgiebig dem Vampirthema gewidmet als der britische, aber ein sehr wichtiger und schöner Vertreter dieser Gattung sei hier nicht vergessen. MASCHERA DEL DEMONIO (Mask Of Satan/Black Sunday) von 1960 zeigt die ganze Bandbreite italienischer Phantasie. Erweitert um das Subgenre des Hexenfilms, hatte er eine Frau als ,Heldin" und Monster zugleich: die britische Schauspielerin Barbara Steele verkörperte gleichzeitig die Hexe Asa und ihr Ebenbild Prinzessin Katja. Der Zuschauer stellt bei näherer Beschäftigung mit dem italienischen Horrorfilm fest, daß Figuren und Handlungen im Genre hier ganz anders konzipiert sind. Frauen dienen nicht nur als Vehikel für tief ausgeschnittene Kleider und Objekte vampirisch-sadistischer Gelüste, sondern haben eigene Persönlichkeiten, Phantasien und sogar Obsessionen. Der italienische Horrorfilm widmet sich in vielen Variationen der Thematik "Hure und Heilige", oftmals in ein und derselben Person, zerrissen von seltsamen Strömungen, fast ganz wie ein richtiger Mensch.

Lust for a Vampire
Der Werte- und Normenwandel der 60er und 70er Jahre war in den Jahren zwischen 1965 und 1975 am größten, was mit der Spitzenzeit der Vampirfilmproduktion zusammenfällt. Der Wandel der Sexualmoral, bedingt durch die Erfindung der oralen Kontrazeptiva und damit einhergehenden "schandlosen" vorehelichen Sexualität, läßt sich in vielen Bereichen feststellen. Im Jahre 1973 lehnten nur noch 5 % der ledigen jungen Männer und 2 % der Frauen voreheliche Beziehungen ab. So stieg auch die Toleranzgrenze in Zensurfragen; die Darstellung von Sex im Film nahm zu. In den relativ liberalen 70er Jahren war der Vampirfilm als Vehikel für unterdrückte sexuelle Darstellungen eigentlich nicht mehr nötig. Wer in einen Sexfilm gehen wollte, konnte das tun.
Ein mehr auf Deutlichkeit angelegter, leider ziemlich mißlungener Versuch, das Blutsaugergenre mit neuem Filmblut zu versorgen, war die Hammer-Produktion LUST FOR A VAMPIRE (1970), eine weitere Adaption von LeFanus "Carmilla".   Viel mehr als ein Softpornostreifen mit vielen nackten Oberweiten und ein bißchen Hokuspokus ist dabei jedoch nicht herausgekommen. David Pirie schreibt in seinem Buch "Vampir-Filmkult": "Der Film ist voll von heimlichen jugendlichen Vampiruntaten hinter verschlossenen Türen, von Stelldicheinen bei Mondschein am See sowie von kleinlichen Intrigen im Klassenzimmer und Schlafsaal." Nun ja...Im Lauf der 70er Jahre unterlag das Genre weiteren Wandlungen. Andere Darstellungsweisen kamen auf, die Darstellung wurde immer deutlicher und plakativer. 

Zombies ersetzten allmählich die altgedienten Vampire, Fleischfressen war ja noch drastischer als Blutsaugen. Es herrschte eine Art Endzeitstimmung, in der weder Edelmut, noch Verzicht, noch die Instanzen das Böse vertilgen konnten, das sich im Zombie als Sinnbild radikaler regressiver Prozesse offenbarte.

Nach dem Ende der 70er Jahre mußte das Genre sich zwangsmäßig umstrukturieren. Der grundlegende Wandel gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, die Vereinnahmung jeglicher Anti-Haltungen durch die Konsumgüterwelt führten zu ganz anderen Voraussetzungen, als sie noch Anfang der 70er für den Horrorfilm gegolten hatten. Umweltprobleme und Wettrüsten lösten neue Ängste in der Bevölkerung aus; das erste Mal seit den 50er Jahren wurden durch Wirtschaftskrisen wieder gewisse Existenzängste geschürt. Trotz steigender Horrorfilmproduktion ließ sich für die 80er Jahre ein Rückgang in der Vampirfilmproduktion verzeichnen. Die Ersatzbefriedigung der Liberalisierungsära wich dem Wunsch nach Bewältigung des Werteverlustes - Anzeichen dafür die steigende Rate der Katastrophenfilme, in denen mehr die Angst als verborgene Wünsche im Mittelpunkt stand.
Der Vampirfilm besann sich nun auf seine Wurzeln. Werner Herzogs NOSFERATU, PHANTOM DER NACHT und John Badhams DRACULA, beide aus dem Jahr 1978, waren Remakes großer klassischer Vorbilder. In NOSFERATU flieht der Mann aus der engen ehelichen Behausung, erkennt seine Frau nach der Rückkehr nicht einmal wieder, entzieht sich so ihrem Zugriff. Eine Reaktion auf die Demontage alter Männlichkeitsideale?
DRACULA mit Frank Langella in der Titelrolle ist ein nach alten Mitteln, mit Hammer-artiger Atmosphäre und Effekten hergestellter Film. In ihm klingt die Sehnsucht nach den alten Rollenmustern auf, die Entzauberung der Geschlechterrollen mit dem vermeintlichen Verlust erotischer Spannung. Frank Langella ist für seine Darstellung des Grafen oft gelobt worden, ich kann mich jedoch dieser Meinung nicht anschließen. Sein Spiel ist zu farblos, sein Auftreten entbehrt klassischer Würde, und er vermag die Rolle des Grafen mit seiner Person nicht auszufüllen.

In den folgenden Jahren herrschte der Versuch vor, das Image des Vampirfilmes zu modernisieren. Es sind viele nichtssagende Filme in dieser Zeit entstanden, die sich mit kruden jugendlichen Initiationsriten und pubertärer Sexualität beschäftigten. Weibliche Vampire in Gestalt aufreizender fremdartiger Frauen, die sexy Nachbarin oder das sexgierige Monster, bildeten den Mittelpunkt des Filmgeschehens. 
THE HUNGER von Tony Scott (1982) nach einem Roman von Whitley Strieber fällt hier als wohltuende Ausnahme auf. Dieser Film präsentiert uns eine neue, von der alten Mythologie abweichende Vampirkonzeption. Videoclipartige Ästhetik, hohe Schnittfrequenz bei aktionsgeladenen Szenen und schockierende Effekte (Wunden im Detail) liefern eine ungewohnte, intensive Betrachtensweise; eine komplizierte Erzählstruktur erfordert hohe Aufmerksamkeit von seiten des Zuschauers. Das Monster ist hier eine emanzipierte, intellektuelle Frau, ihr Domizil ein wunderschönes altes Haus inmitten hektischer und brutaler Großstadtkulissen. Dieser Film läßt zwischen alten und neuen Werten, Europa und USA eine Synthese stattfinden.
Der Wandel garantiert das Fortleben; dennoch wird am Ende, wie stets, das Monster vernichtet. Die 80er Jahre waren eine Ära des Abschieds vom Prinzipiellen, eine Zeit der Synthese verschiedener Richtungen und Werte. Die offensichtliche Bisexualität der Figuren in THE HUNGER zeigen dies deutlich. Aber dieser Film beinhaltet auch die Desillusionierung eines Traums, nämlich den vom Glück in der ewigen Zweierbeziehung; der Kult um ewige Jugend, Schönheit und Hedonismus wird uns als monströs präsentiert, der Tod als einzige Erlösung von der erniedrigenden und schmerzvollen Gier nach Leben.

Der letzte Abschnitt dieses Artikels naht sich uns, die 90er Jahre, die Zeit, in der wir leben. Es hat trotz aller Unkenrufe und obwohl das Genre hundertmal totgesagt wurde, immer wieder neue Vampirfilme gegeben, auch in unserer Zeit.

Eine Modewelle von Vampirismus-Accessoires schwappte nach BRAM STOKER'S DRACULA von Francis Ford Coppola (1992) durch die Warenhäuser. Die Klassiker und gerade das Vampirtum wurden wieder modern, und sie haben auch gleich noch eine neue Message mitgebracht. Die große Liebe zwischen Mina und Graf Dracula, die ewige Treue, die Furcht, Mina zu infizieren - all das sind deutliche Anspielungen auf das unangenehme Thema AIDS. Durch Verzicht (der Sexualität) kann die Rückverwandlung des Monsters in einen Menschen stattfinden. BRAM STOKER'S DRACULA präsentiert uns das erste humane Ende eines Vampirs in der ganzen Filmgeschichte...
Ein weiterer sehenswerter Vertreter der neuen Art ist die britisch-japanische Coproduktion TALE OF A VAMPIRE (1993), deren Hauptfigur der schüchterne, liebe Junge Alex ist, wunderbar gespielt von Julian Sands - ein Vampir als Softie, am Schluß von allen alleingelassen, mit seiner toten Geliebten in den Armen, deren Tod für ihn die Strafe darstellt.
Der Vampirfilm hat sich im Lauf der Zeiten oft gewandelt, hat viele Häutungen vollzogen. Aber das Genre hat sich bis zum heutigen Tag erhalten. Es ist wandelbar, weil die Inhalte zu denen gehören, die den menschlichen Geist immer beschäftigt haben und auf die man nicht so leicht eine Antwort findet. Es ist festgestellt worden, daß Filmgenres mannigfache Spezialisierungen hervorbringen und daß Genrefilme stabilisierend wirken, indem sie das Publikum psychologisch entlasten, teils durch Ersatzbedürfnisbefriedigung, teils durch die Bestätigung moralischer Werte. Hans Schifferle schreibt in seinem Buch Die hundert besten Horrorfilme: "Horrorfilme machen sensibel, nie und nimmer verrohen sie, denn sie handeln von Differenzierungen, Relationen und Feinheiten. Natürlich weiß man, daß Sensibilität nicht immer ungefährlich ist."
 
Zum Schrecken gehört immer das Mitleid, auch mit den Ungeheuern, die uns doch so sehr erschrecken sollen. Ich glaube, daß der Zuschauer stets mehr Mitleid mit dem Tod der Bestie empfindet, als ihn ihr Hingehen erleichtert. Wir sehen in den Monstren Teile von uns selbst, vielleicht ungeliebte, geleugnete oder sogar unheimliche und gefährliche; aber stets erkennen wir in dem Leinwandmonster ein Stück von uns, und unser Herz schlägt höher, wenn wir sein Gesicht in Großaufnahme wie in einem zersplitterten Spiegel vor uns sehen. Es ist behauptet worden, daß "...die blutunterlaufenen Augen Draculas zerstörten Spiegeln und somit zerstörten Träumen gleichen, was beim Zuschauer dem Traum von der Zerstörung gleichkommt."

 

Eddie M. Angerhuber (1996)
 
 
 
 

Quellen: Margit Dorn, "Vampirfilme und ihre sozialen Funktionen"; Hans Schifferle, "Die hundert besten Horror-Filme"; Walter Stresau, "Der Horror-Film"; David Pirie, "Vampir-Filmkult".