Christopher
Lee |
| Der
Schauspieler Christopher Lee, Sproß einer Fürstin aus alter
italienischer Adelsfamilie und eines britischen Offiziers, hatte schon
vorher für Hammer Monstren verkörpert. So spielte er beispielsweise
1957 das mißgestaltete, wegen seines ungewohnten Make-up geschmähten
und gelobten Frankensteinmonster. Im Jahre 1958 dann drehten die Hammer
ihren ersten Vertreter aus dem DRACULA-Zyklus, der insgesamt sieben Filme
mit Lee in der Hauptrolle umfassen sollte. HORROR OF DRACULA war ein noch
eng an die Stoker-Vorlage angelehnter, aber mit modernen Mitteln, expliziter
Tricktechnik und dynamischer Handlung versehener Streifen. |
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Das
Publikum war begeistert, die Hammer drehten Fortsetzungen: DRACULA, PRINCE
OF DARKNESS folgte 1965, danach 1968 DRACULA HAS RISEN FROM THE GRAVE,
1970 TASTE THE BLOOD OF DRACULA
und SCARS OF DRACULA, im Jahre 1971 DRACULA A.D.
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schockierender Moment, hervorragend in Szene gesetzt und unvergeßlich,
wenn Dracula das erste Mal mit blutüberströmtem Gesicht und gereizt
gefletschtem Raubgebiß ganz groß ins Bild kommt. Zu der beeindruckenden
Wirkung Christopher Lees, der mit klassisch schwarzem Anzug und langem
Cape in Szene gesetzt wurde, hat nicht zuletzt die orchestrale und ungemein
stimmungsvolle Musik von James Bernard beigetragen. Zum ersten Male wurden
die Fangzähne so offen gebleckt, starrten des Grafen knallrote Kontaktlinsen
von der Leinwand auf die Zuschauer. |
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Scars
of Dracula
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1972
und 1973 schließlich als letzter der Reihe THE SATANIC RITES OF DRACULA.
Es hatte sich als Fehler erwiesen, daß man in THE BRIDES OF DRACULA
(1960) die Titelrolle nicht mit Christopher Lee, sondern mit dem blonden,
kühl aussehenden David Peel besetzt hatte. Regisseur Terence Fisher
mußte für diesen Fehler büßen, so viel Freiheiten
wie zuvor hat er in den späteren Filmproduktionen nicht mehr genossen.
Die
Hammer-Filme waren Kinder ihrer Zeit, Wertewandel und Fall veralteter Moralvorstellungen
und gesellschaftlicher Strukturen waren in ihnen zu filmischer Metapher
symbolisiert. Nach der Überwindung der schlimmen Jahre und der Wiederkehr
sozialer Sicherheit war der Vampirfilm als Verschlüsselung sozialer
Krisen so nicht mehr gefragt. Im Vordergrund der Hammer-Vampirfilme stand
vielmehr das Streben nach Lustgewinn.
Der
durchschlagende Erfolg der Hammer-Draculafilme ist sicherlich in der neuzeitlichen,
drastischen Darstellung von Eros und Gewalt zu suchen. Nie zuvor waren
die Dinge mit solcher Deutlichkeit und in strahlender Technicolor gezeigt
worden. Lees Darstellung des Grafen war weniger auf gesellschaftliche Eleganz,
wie sie der Salonlöwe Lugosi geboten, sondern vielmehr auf die Persönlichkeit
des dominanten Liebhabers und sadistischen Teufels bei Konflikten angelegt.
Die sadistische Seite wurde für den Zuschauer noch dadurch verstärkt,
daß Dracula kaum noch mit seinen Opfern redete - hypnotisierend hinblicken,
zugreifen und sich das Opfer nehmen war eins.
Der
Zeitgeist erlaubte es, daß die Darstellungen allgemein freizügiger
wurden - in den 50er und 60er Jahren waren allerdings die puren Erotikfilme,
wie wir sie aus den 70ern kennen, noch nicht "gestattet". In keinem Vampirfilm
zuvor waren die Angriffe und das Blutsaugen einbegriffen der weiblichen
Reaktion auf das Gebissenwerden je gezeigt worden. Die schrecklichen Ereignisse
hatten sich im Off abgespielt, bestenfalls hinter dem vorgehaltenen Cape.
Wenn Christopher Lee nun seine langen dünnen Finger über die
bloßen Schultern des Opfers laufen ließ und seine Lippen sich
den Weg von ihrem Mund zur Halsschlagader abwärts tasteten, prickelte
die Luft im Kino. Diese Szenen sind so sinnlich abgefilmt worden und sprechen
in all ihrer Kürze so deutlich für sich, daß wir uns weitere
Erklärungen schenken können.
Nie
zuvor waren der Reiz des Normverstoßes und daraus resultierende Lustgewinn
so deutlich gezeigt worden. Auch die Werbeplakate für HORROR OF DRACULA
waren ziemlich deutlich, aber mit starken ironischen Untertönen versehen,
um moralischen Einwänden entgegenzuwirken.
Glücklicherweise
beschränkte sich die Produktion an Vampirfilmen aber nicht nur auf
Großbritannien. In anderen Ländern gab es andere Filme; nationalspezifische
Vampirfilme wurden in Spanien, Mexiko, sogar auf den Philippinen und in
Malaysia gedreht.
Der
italienische Horrorfilm der 60er Jahre hat sich weniger ausgiebig dem Vampirthema
gewidmet als der britische, aber ein sehr wichtiger und schöner Vertreter
dieser Gattung sei hier nicht vergessen. MASCHERA
DEL DEMONIO (Mask Of Satan/Black Sunday) von 1960 zeigt die ganze Bandbreite
italienischer Phantasie. Erweitert um das Subgenre des Hexenfilms, hatte
er eine Frau als ,Heldin" und Monster zugleich: die britische Schauspielerin
Barbara Steele verkörperte gleichzeitig die Hexe Asa und ihr Ebenbild
Prinzessin Katja. Der Zuschauer stellt bei näherer Beschäftigung
mit dem italienischen Horrorfilm fest, daß Figuren und Handlungen
im Genre hier ganz anders konzipiert sind. Frauen dienen nicht nur als
Vehikel für tief ausgeschnittene Kleider und Objekte vampirisch-sadistischer
Gelüste, sondern haben eigene Persönlichkeiten, Phantasien und
sogar Obsessionen. Der italienische Horrorfilm widmet sich in vielen Variationen
der Thematik "Hure und Heilige", oftmals in ein und derselben Person, zerrissen
von seltsamen Strömungen, fast ganz wie ein richtiger Mensch.
Lust
for a Vampire |
| Der
Werte- und Normenwandel der 60er und 70er Jahre war in den Jahren zwischen
1965 und 1975 am größten, was mit der Spitzenzeit der Vampirfilmproduktion
zusammenfällt. Der Wandel der Sexualmoral, bedingt durch die Erfindung
der oralen Kontrazeptiva und damit einhergehenden "schandlosen" vorehelichen
Sexualität, läßt sich in vielen Bereichen feststellen.
Im Jahre 1973 lehnten nur noch 5 % der ledigen jungen Männer und 2
% der Frauen voreheliche Beziehungen ab. So stieg auch die Toleranzgrenze
in Zensurfragen; die Darstellung von Sex im Film nahm zu. In den relativ
liberalen 70er Jahren war der Vampirfilm als Vehikel für unterdrückte
sexuelle Darstellungen eigentlich nicht mehr nötig. Wer in einen Sexfilm
gehen wollte, konnte das tun. |
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| Ein
mehr auf Deutlichkeit angelegter, leider ziemlich mißlungener Versuch,
das Blutsaugergenre mit neuem Filmblut zu versorgen, war die Hammer-Produktion
LUST FOR A VAMPIRE (1970), eine weitere Adaption von LeFanus "Carmilla".
Viel mehr als ein Softpornostreifen mit vielen nackten Oberweiten und ein
bißchen Hokuspokus ist dabei jedoch nicht herausgekommen. David Pirie
schreibt in seinem Buch "Vampir-Filmkult": "Der Film ist voll von heimlichen
jugendlichen Vampiruntaten hinter verschlossenen Türen, von Stelldicheinen
bei Mondschein am See sowie von kleinlichen Intrigen im Klassenzimmer und
Schlafsaal." Nun ja...Im Lauf der 70er Jahre unterlag das Genre weiteren
Wandlungen. Andere Darstellungsweisen kamen auf, die Darstellung wurde
immer deutlicher und plakativer. |
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Zombies
ersetzten allmählich die altgedienten Vampire, Fleischfressen war
ja noch drastischer als Blutsaugen. Es herrschte eine Art Endzeitstimmung,
in der weder Edelmut, noch Verzicht, noch die Instanzen das Böse vertilgen
konnten, das sich im Zombie als Sinnbild radikaler regressiver Prozesse
offenbarte.
Nach
dem Ende der 70er Jahre mußte das Genre sich zwangsmäßig
umstrukturieren. Der grundlegende Wandel gesellschaftlicher Rahmenbedingungen,
die Vereinnahmung jeglicher Anti-Haltungen durch die Konsumgüterwelt
führten zu ganz anderen Voraussetzungen, als sie noch Anfang der 70er
für den Horrorfilm gegolten hatten. Umweltprobleme und Wettrüsten
lösten neue Ängste in der Bevölkerung aus; das erste Mal
seit den 50er Jahren wurden durch Wirtschaftskrisen wieder gewisse Existenzängste
geschürt. Trotz steigender Horrorfilmproduktion ließ sich für
die 80er Jahre ein Rückgang in der Vampirfilmproduktion verzeichnen.
Die Ersatzbefriedigung der Liberalisierungsära wich dem Wunsch nach
Bewältigung des Werteverlustes - Anzeichen dafür die steigende
Rate der Katastrophenfilme, in denen mehr die Angst als verborgene Wünsche
im Mittelpunkt stand.
Der
Vampirfilm besann sich nun auf seine Wurzeln. Werner Herzogs NOSFERATU,
PHANTOM DER NACHT und John Badhams DRACULA, beide aus dem Jahr 1978, waren
Remakes großer klassischer Vorbilder. In NOSFERATU flieht der Mann
aus der engen ehelichen Behausung, erkennt seine Frau nach der Rückkehr
nicht einmal wieder, entzieht sich so ihrem Zugriff. Eine Reaktion auf
die Demontage alter Männlichkeitsideale?
DRACULA
mit Frank Langella in der Titelrolle ist ein nach alten Mitteln, mit Hammer-artiger
Atmosphäre und Effekten hergestellter Film. In ihm klingt die Sehnsucht
nach den alten Rollenmustern auf, die Entzauberung der Geschlechterrollen
mit dem vermeintlichen Verlust erotischer Spannung. Frank Langella ist
für seine Darstellung des Grafen oft gelobt worden, ich kann mich
jedoch dieser Meinung nicht anschließen. Sein Spiel ist zu farblos,
sein Auftreten entbehrt klassischer Würde, und er vermag die Rolle
des Grafen mit seiner Person nicht auszufüllen.
In
den folgenden Jahren herrschte der Versuch vor, das Image des Vampirfilmes
zu modernisieren. Es sind viele nichtssagende Filme in dieser Zeit entstanden,
die sich mit kruden jugendlichen Initiationsriten und pubertärer Sexualität
beschäftigten. Weibliche Vampire in Gestalt aufreizender fremdartiger
Frauen, die sexy Nachbarin oder das sexgierige Monster, bildeten den Mittelpunkt
des Filmgeschehens.
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| THE
HUNGER von Tony Scott (1982) nach einem Roman von Whitley Strieber
fällt hier als wohltuende Ausnahme auf. Dieser Film präsentiert
uns eine neue, von der alten Mythologie abweichende Vampirkonzeption. Videoclipartige
Ästhetik, hohe Schnittfrequenz bei aktionsgeladenen Szenen und schockierende
Effekte (Wunden im Detail) liefern eine ungewohnte, intensive Betrachtensweise;
eine komplizierte Erzählstruktur erfordert hohe Aufmerksamkeit von
seiten des Zuschauers. Das Monster ist hier eine emanzipierte, intellektuelle
Frau, ihr Domizil ein wunderschönes altes Haus inmitten hektischer
und brutaler Großstadtkulissen. Dieser Film läßt zwischen
alten und neuen Werten, Europa und USA eine Synthese stattfinden. |
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Der
Wandel garantiert das Fortleben; dennoch wird am Ende, wie stets, das Monster
vernichtet. Die 80er Jahre waren eine Ära des Abschieds vom Prinzipiellen,
eine Zeit der Synthese verschiedener Richtungen und Werte. Die offensichtliche
Bisexualität der Figuren in THE HUNGER zeigen dies deutlich. Aber
dieser Film beinhaltet auch die Desillusionierung eines Traums, nämlich
den vom Glück in der ewigen Zweierbeziehung; der Kult um ewige Jugend,
Schönheit und Hedonismus wird uns als monströs präsentiert,
der Tod als einzige Erlösung von der erniedrigenden und schmerzvollen
Gier nach Leben.
Der
letzte Abschnitt dieses Artikels naht sich uns, die 90er Jahre, die Zeit,
in der wir leben. Es hat trotz aller Unkenrufe und obwohl das Genre hundertmal
totgesagt wurde, immer wieder neue Vampirfilme gegeben, auch in unserer
Zeit.
Eine
Modewelle von Vampirismus-Accessoires schwappte nach BRAM STOKER'S DRACULA
von Francis Ford Coppola (1992) durch die Warenhäuser. Die Klassiker
und gerade das Vampirtum wurden wieder modern, und sie haben auch gleich
noch eine neue Message mitgebracht. Die große Liebe zwischen Mina
und Graf Dracula, die ewige Treue, die Furcht, Mina zu infizieren - all
das sind deutliche Anspielungen auf das unangenehme Thema AIDS. Durch Verzicht
(der Sexualität) kann die Rückverwandlung des Monsters in einen
Menschen stattfinden. BRAM STOKER'S DRACULA präsentiert uns das erste
humane Ende eines Vampirs in der ganzen Filmgeschichte...
Ein
weiterer sehenswerter Vertreter der neuen Art ist die britisch-japanische
Coproduktion TALE OF A VAMPIRE (1993), deren Hauptfigur der schüchterne,
liebe Junge Alex ist, wunderbar gespielt von Julian Sands - ein Vampir
als Softie, am Schluß von allen alleingelassen, mit seiner toten
Geliebten in den Armen, deren Tod für ihn die Strafe darstellt.
Der
Vampirfilm hat sich im Lauf der Zeiten oft gewandelt, hat viele Häutungen
vollzogen. Aber das Genre hat sich bis zum heutigen Tag erhalten. Es ist
wandelbar, weil die Inhalte zu denen gehören, die den menschlichen
Geist immer beschäftigt haben und auf die man nicht so leicht eine
Antwort findet. Es ist festgestellt worden, daß Filmgenres mannigfache
Spezialisierungen hervorbringen und daß Genrefilme stabilisierend
wirken, indem sie das Publikum psychologisch entlasten, teils durch Ersatzbedürfnisbefriedigung,
teils durch die Bestätigung moralischer Werte. Hans Schifferle schreibt
in seinem Buch Die hundert besten Horrorfilme: "Horrorfilme machen sensibel,
nie und nimmer verrohen sie, denn sie handeln von Differenzierungen, Relationen
und Feinheiten. Natürlich weiß man, daß Sensibilität
nicht immer ungefährlich ist."
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| Zum
Schrecken gehört immer das Mitleid, auch mit den Ungeheuern, die uns
doch so sehr erschrecken sollen. Ich glaube, daß der Zuschauer stets
mehr Mitleid mit dem Tod der Bestie empfindet, als ihn ihr Hingehen erleichtert.
Wir sehen in den Monstren Teile von uns selbst, vielleicht ungeliebte,
geleugnete oder sogar unheimliche und gefährliche; aber stets erkennen
wir in dem Leinwandmonster ein Stück von uns, und unser Herz schlägt
höher, wenn wir sein Gesicht in Großaufnahme wie in einem zersplitterten
Spiegel vor uns sehen. Es ist behauptet worden, daß "...die blutunterlaufenen
Augen Draculas zerstörten Spiegeln und somit zerstörten Träumen
gleichen, was beim Zuschauer dem Traum von der Zerstörung gleichkommt." |
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Eddie
M. Angerhuber (1996)
Quellen:
Margit Dorn, "Vampirfilme und ihre sozialen Funktionen"; Hans Schifferle,
"Die hundert besten Horror-Filme"; Walter Stresau, "Der Horror-Film"; David
Pirie, "Vampir-Filmkult".
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