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Medusas Spiegelbild - Barbara Steele in "La Maschera del Demonio"

"Entering the cool, dark set was like entering a medieval cathedral on a midsummer afternoon. Echoes of an ancient civilization that has been dormant for centuries. This odd silence descended upon us, this hushed, suspended world ... The whole film was so monochromatic that nobody, not even a crew member, wore a single color on the set - hypnotically beautiful ..." 
Barbara Steele über die Dreharbeiten zu LA MASCHERA DEL DEMONIO

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Der Film-Vampir im Wandel der Zeiten
Eddie M. Angerhuber


Unsere Geschichte beginnt im Jahre 1921, als der geheimnisvolle Schauspieler Max Schreck, über dessen Leben und Wirken kaum Daten existieren, vor der Kamera den ersten der wirklich großen Film-Vampire spielt. NOSFERATU - EINE SYMPHONIE DES GRAUENS von Friedrich W. Murnau gilt als der erste "echte" Vampirfilm, auch wenn es schon vorher einige Versuche von Georges Méliès mit Blutsaugern als Filmfiguren gegeben hat. 

Murnau sollte viel Ruhm und Bekanntheit bis in die heutige Zeit für sein Werk ernten, aber auch etliche Schwierigkeiten. Von der Stoker-Witwe verklagt, weil er sich nicht die Rechte an "Dracula" lizensieren ließ, mußte er alle Kopien seines Films einstampfen lassen. Glücklicherweise waren vorher schon einige Kopien ins Ausland gelangt und entgingen so der Vernichtung. Welch ein Verlust wäre es gewesen, undenkbar für die Geschichte des Vampirfilms. Noch in jüngerer Zeit berufen sich manche Regisseure auf das unerreichte Vorbild: Werner Herzogs NOSFERATU, PHANTOM DER NACHT mit Klaus Kinski in der Titelrolle aus dem Jahre 1978 ist ein fast haargenaues Remake des alten Klassikers, konnte diesem aber leider trotz Kinskis hervorragender Leistung nicht das Wasser reichen.

Zur Zeit der Fertigstellung des Murnau-Filmes war der erste Weltkrieg gerade überstanden. Gesellschaftliche Umbrüche und Krisen standen bevor. Das Medium Film wurde durch den expressionistischen Stummfilm salonfähig gemacht; die Möglichkeit, Nöte und Sorgen für einige Zeit im Kino zu vergessen, gewann an Bedeutung für die ärmeren Gesellschaftsschichten. Murnaus Nosferatu ermöglichte dem Zuschauer die Schuldzuweisung an den katastrophalen Zuständen - war es nicht das gräßliche Knochenmännchen "Graf Orlok", das mit seinem Heer der Ratten Pest und Verderbnis über Deutschland brachte?
 

Friedrich W. Murnau: Nosferatu
Vielleicht kann man NOSFERATU als einen Versuch sehen, die Verwüstungen und Schrecken des Krieges durch die krankheitsverbreitende Allmacht des Vampirs zu symbolisieren. Hier wie dort ist dem Einzelnen keine Möglichkeit zur Gegenwehr gegeben; im Film sind die Instanzen machtlos, die Herren Beamten rennen beim Bekanntwerden der Pest panisch aus dem Rathaus, und die Bevölkerung bleibt sich selbst und dem unfaßbaren Schrecken überlassen. Bald wird ein Sarg nach dem anderen durch die ausgestorbenen Straßen getragen, und das Heer der Ratten tanzt auf den verlassenen Plätzen. 

In diesem ersten aller Vampirfilme ist es eine mutige Frau als Opfer und Heldin männlichen Leichtsinns, die den Sieg über das Phantom davonträgt. Wie sie es in dem alten Buch gelesen hat, legt sie sich zur Nacht mit dem Willen nieder, durch ihr eigenes Opfer und ihre Hingabe an den schrecklichen Grafen dem Terror ein Ende zu setzen. Ihre Rechnung geht auf: von so viel holder Hingabe gefesselt, versäumt Nosferatu den ersten Hahnenschrei und zerfällt in einem Sonnenstrahl zu Staub.

Gute 10 Jahre später erfuhr der klassische Stoff eine erneute filmische Umsetzung, und zwar diejenige, die bestimmend für das Bild des Vampirs bleiben und ihren Hauptdarsteller auf Lebenszeit mit dieser Rolle verbinden würde. 
Nach mehrjährigem Erfolg des Theaterstückes DRACULA am Broadway wurde es von der Universal verfilmt, mit Béla Lugosi in der Titelrolle, dem damals noch recht unbekannten ungarischen Emigranten. Im Lauf der Zeit hat die Figur des Filmvampirs viele Wandlungen durchgemacht, und jede Ära hat ihre eigenen Vorstellungen durch diese Figur dargestellt. 
Dennoch steht uns, wenn wir an "Dracula" denken, stets der elegante Herr mittleren Alters mit dem gutsitzenden Abendanzug und dem langen schwarzen Cape vor Augen. Seine wachsweißen Finger, von einem riesigen Siegelring geschmückt, vollführen seltsame hypnotische Gesten vor dem schlafwandlerischen Gesicht einer schönen Frau. Gleich wird er sie in seine Arme schließen, das Cape um sie beide ziehen... und Abblende. Lugosis Darstellung, obwohl freilich heutzutage übertrieben und theatralisch erscheinend und bisweilen eines unfreiwilligen Humors nicht entbehrend, bietet für uns immer noch das Vorbild des Bösen Grafen. 

Die Dreißiger Jahre waren in den USA keine besonders rosige Zeit. Es gab 8 Millionen Arbeitslose, der Börsenkrach hatte ein kollektives Trauma verursacht. Der Mentalität der Amerikaner hat es damals entsprochen, nicht den Instanzen die Schuld für die Katastrophe zu geben, sondern nach dem Motto "Jeder ist seines eigenes Glückes Schmied" die Ursachen bei seiner eigenen Unfähigkeit zu suchen. Das Normale, in die Gesellschaft zum Wohle aller integrierte Verhalten hatte absoluten Vorrang über individuelle Wünsche und Vorlieben, "asoziales" oder gar luxuriöses Gebaren. 

Béla Lugosi
Dracula als überdurchschnittliche Persönlichkeit bildete das eindeutige Feindbild als Bedrohung der erzwungenen Vernünftigkeit. Seinen Verlockungen, den Vorstellungen von Luxus, Reichtum, einem eigenen Schloß und Titel erliegen die Frauen, untauglich für eine bürgerliche Ehe. Wie bei NOSFERATU wird dem Zuschauer Selbstbeschränkung und Opferbereitschaft empfohlen, um die marode Gesellschaft wieder gesunden zu lassen. Natürlich waren diese Überlegungen nicht der Grund dafür, warum Béla Lugosi bei der weiblichen Zuschauerschaft so unmäßig gut angekommen ist. Er galt als das Idealbild des "latin lover", der übermäßig elegante, dunkelhaarige Kavalier aus dem alten Europa, und war für einige Zeit sogar das führende männliche Sexsymbol des frühen Hollywood. 
Der Vampirfilm umschreibt in erster Linie ausbeuterische Beziehungen. Stets ist es das mehr oder weniger anziehende Halbwesen, das von der Abhängigkeit der Sterblichen nach seiner überirdischen Zuwendung profitiert. Ich brauche hier nicht näher auf die erotische Facette des Vampirs einzugehen, die jedem Leser dieses Heftes vertraut sein dürfte. Diese Facette war von jeher für die Freudianer unter den Filmrezensenten ein gefundenes Fressen. Es ist behauptet worden, daß der Vampirmythos zur Bewältigung tabuisierter Konflikte diene.

Die Toten kehren wieder, um ihre geliebten Familienangehörigen zu besuchen - der ödipale Wunsch kollidiert mit der Angst vor den Toten und Schuldgefühlen wegen der "schmutzigen Phantasie". Aufgrund des in unserer Gesellschaft herrschenden, unumgänglichen Inzest- Tabus ist eine Vereinigung mit den geliebten Toten nicht möglich - und doch gerade das, was die Vampire in all den vielen Filmen ausschließlich tun. Der Vampir verkörpert ja nach Freud die nicht reproduktionsfähige, daher von der Gesellschaft nicht gebilligte Art der sexuellen Hinwendung: Homosexualität, Fellatio und Nekrophilie. Durch die Hingabe an das schaurige Wesen machen sich die Lebenden mitschuldig und werden ebenfalls zu Vampiren. Sie sind Ausgestoßene der Gesellschaft, die ihre abartigen Neigungen nicht billigen kann und sie am Schluß sogar dafür vernichtet. In beinahe jedem Vampirfilm gibt es den Archetyp des "ewigen van Helsing" als Hüter der Moral und zu handfesten Waffen greifenden Verteidiger eines strengen Sittenkodex.

Bram Stokers Roman "Dracula" aus dem Jahre 1897 markiert die Stelle, an der die historische und Legendenüberlieferung vampiristischer Umtriebe von der Populärkultur absorbiert wurden. Die viktorianische Ära mit ihrer strengen bürgerlichen Ehemoral, unterdrückten Obsessionen und Unauflösbarkeit der Ehe bot den geeigneten Nährboden für ein so unschwer zu deutendes, von verbotenen Träumen und schändlichen Lüsten sprechendes Werk. Der Roman feierte gewaltige Erfolge, und auch heute noch ist er jedem Interessierten als klassische Bettlektüre zu empfehlen.
In den Vierziger Jahren erfuhr auch das Horrorgenre eine langsame und bislang noch schleichende Wandlung, diente jedoch weiterhin für krisenbezogene Entlastungsangebote. Die Bewunderung der 20er Jahre für Technik und Fortschritt war jedoch langsam in Mißtrauen umgeschlagen. Thema vieler Horrorfilme war nunmehr der "mad scientist", der eine Bedrohung durch Machtmißbrauch wissenschaftlicher Kenntnisse darstellte. Allmählich schimmerte nun auch die Furcht vor der Bedrohung durch "die Bombe" auf, die sich in der SF der 50er Jahre zur vollsten Blüte entfalten sollte.
Die Genrefilme der 40er Jahre waren nicht mehr so naiv und märchenhaft wie die alten Klassiker. Anstelle der romantischen Sage um das Monster (Dracula, Mumie, Frankenstein, Wolfsmann, Phantom der Oper) traten allmählich menschlichere Erwägungen, komplexere Persönlichkeiten, besser durchdachte Handlungen und Filmplots. Die großen Studios begannen ihre klassischen Monster auszuverkaufen, Fortsetzung um Fortsetzung mit immer haarsträubenderen Zusammenstellungen zu drehen. Es war eine zwiespältige Ära für das Genre, denn so wie einerseits die wunderbaren Klassiker ruiniert wurden, hat man auch etliche sehr gute Legenden mit neuen Figuren und psychologisch angelegtem Schrecken erfunden.

Ich möchte hier als Beispiel für einen Vampirfilm aus dieser Zeit einen Film nehmen, in dem sich all die Zwiespältigkeit des Genres der 40er Jahre vereint. In der Universal-Produktion SON OF DRACULA (1943) spielte Lon Chaney jr., der leider längst nicht so begabte Sohn des großen Stummfilmstars Lon Chaney, höchstpersönlich den Grafen Dracula. Dieser ist einmal wieder nach Amerika übergesetzt, aber nicht, um die Gesellschaft zu bedrohen und ihrer Frauen zu berauben, sondern um zu heiraten und eine Plantage in den Südstaaten zu übernehmen. Die junge Erbin, mit dem Okkulten vertraut und auf bestem Fuße, wollte durch Draculas magische Fähigkeiten die Unsterblichkeit erlangen.

Lon Chaney als Graf Dracula
SON OF DRACULA bietet eine schön konzipierte Atmosphäre mit einfallsreichen Sequenzen und für jene Zeit sehr beeindruckenden Trickaufnahmen. Zum Beispiel sehen wir hier zum ersten Mal die Verwandlung des Vampirs in eine Fledermaus oder in eine Rauchschwade, eine Verbindung mehrerer Trickverfahren mit einem optischen Effekt, der sich auch heute nicht zu verstecken braucht. Eigentlich ein wunderhübscher Film - wenn nicht Lon Chaney jr. als Dracula gar so behäbig und gemütlich wirkte. 
Lugosi soll es ihm nie verziehen haben, daß er ihm ,die Rolle weggenommen hatte". Sogar in hohem Alter kam es noch einmal zu einer Auseinandersetzung der beiden deswegen. Zur Drehzeit von SON OF DRACULA schon schwerer Alkoholiker, stand der Schauspieler wohl nur an den Vormittagen zur Verfügung. Seine vierschrötige Figur, das massige Gesicht und die nicht eben elegante Haltung nahmen der Figur des Grafen viel von seiner durch Lugosi geprägten Nachttier-Geschmeidigkeit und Wirkung. Daß SON OF DRACULA dennoch als Horrorfilm funktioniert und den Zuschauer nicht unbefriedigt zurückläßt, liegt an den schönen Kulissen, der stimmungsvollen Atmosphäre und den guten Nebendarstellern.

Béla Lugosi drehte in dieser Zeit einen Vampirfilm namens RETURN OF THE VAMPIRE in Großbritannien, in welchem er als "Graf Tesla" aus den Bombenruinen eines fiktiven Nachkriegslondon auferstand.
In den 50er Jahren erfuhr das Horrorgenre einige tiefe Einschnitte. Der Geschmack des Publikums richtete sich eher auf die neu aufgekommene Science Fiction mit ihren Invasionsängsten und dem ultimativen Schrecken "Atombombe".
Einige fundamentale Wandlungen in der Situation der großen Hollywoodstudios, die sich nach dem sog. "Entflechtungsurteil" von ihren Kinos trennen mußten, was diesen einen freien Spielplan garantierte, bewirkten einen Rückgang der Filmproduktion um ganze 50 %. Das Aufkommen des Fernsehens im Jahre 1950 hatte einen weiteren Rückgang zur Folge. Das Kino wurde zum Aufenthaltsort für Jugendliche; die alten Universal-Klassiker liefen im Nachmittagsprogramm für Scharen frankensteinsüchtiger amerikanischer Kinder.
 
Verlassen wir die Misere in den USA und begeben wir uns über den großen Teich nach Europa. Nach dem Ende des expressionistischen Stummfilms hat es hier ein paar wenige, dafür aber hervorragende Genrefilme gegeben. Der leider nur selten gezeigte VAMPYR des Carl Theodor Dreyer aus dem Jahre 1931 gehört dazu. Ein verstörender, wirklich unheimlicher Film, der seine Wirkung nicht aus aufwendigen Trickaufnahmen oder einer charismatischen Hauptfigur wie Lugosis Dracula zieht, sondern feinsinnig angelegt auf psychologische Wirkungen zielt. VAMPYR läßt sich mit dem Hollywoodkino der 30er Jahre nicht vergleichen, er ist eine sonderbare und mysteriöse Ausnahme in den immer wiederkehrenden Schemata des Vampirfilms.

Beeinflußt von Sheridan LeFanus Novelle "Carmilla" hatte er wohl zum ersten Mal in der Geschichte des Vampirfilms einen weiblichen Blutsauger zu bieten - aber nicht etwa eine hübsche, gelockte Ex-Stummfilmschönheit, sondern eine gräßliche alte Vettel, die ein ganzes Dorf unter ihrem unheilbringenden Bann hielt.

1947 war das Jahr eines großen Ereignisses auf dem Horrorsektor: die berühmten Hammer-Studios wurden in ihrer späteren Form gegründet. Sie lieferten britische B-Filme für das amerikanische Fernsehen. Als nach FRANKENSTEIN (1957) der Durchbruch für die Hammer-Studios kam, kauften sie die Rechte an den alten Monstern von der Universal. Dies war der Beginn eines der bekanntesten Abschnitte in der Geschichte des Vampirfilms; ein neuer, dynamischer Typus des Bösen Grafen sollte sich aus den Trümmern der alten Klassiker erheben.
 
 

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