Der
Film-Vampir im Wandel der Zeiten
Eddie
M. Angerhuber
Unsere
Geschichte beginnt im Jahre 1921, als der geheimnisvolle Schauspieler Max
Schreck, über dessen Leben und Wirken kaum Daten existieren, vor der
Kamera den ersten der wirklich großen Film-Vampire spielt. NOSFERATU
- EINE SYMPHONIE DES GRAUENS von Friedrich W. Murnau gilt als der erste
"echte" Vampirfilm, auch wenn es schon vorher einige Versuche von Georges
Méliès mit Blutsaugern als Filmfiguren gegeben hat.
Murnau
sollte viel Ruhm und Bekanntheit bis in die heutige Zeit für sein
Werk ernten, aber auch etliche Schwierigkeiten. Von der Stoker-Witwe verklagt,
weil er sich nicht die Rechte an "Dracula" lizensieren ließ, mußte
er alle Kopien seines Films einstampfen lassen. Glücklicherweise waren
vorher schon einige Kopien ins Ausland gelangt und entgingen so der Vernichtung.
Welch ein Verlust wäre es gewesen, undenkbar für die Geschichte
des Vampirfilms. Noch in jüngerer Zeit berufen sich manche Regisseure
auf das unerreichte Vorbild: Werner Herzogs NOSFERATU, PHANTOM DER NACHT
mit Klaus Kinski in der Titelrolle aus dem Jahre 1978 ist ein fast haargenaues
Remake des alten Klassikers, konnte diesem aber leider trotz Kinskis hervorragender
Leistung nicht das Wasser reichen.
Zur
Zeit der Fertigstellung des Murnau-Filmes war der erste Weltkrieg gerade
überstanden. Gesellschaftliche Umbrüche und Krisen standen bevor.
Das Medium Film wurde durch den expressionistischen Stummfilm salonfähig
gemacht; die Möglichkeit, Nöte und Sorgen für einige Zeit
im Kino zu vergessen, gewann an Bedeutung für die ärmeren Gesellschaftsschichten.
Murnaus Nosferatu ermöglichte dem Zuschauer die Schuldzuweisung an
den katastrophalen Zuständen - war es nicht das gräßliche
Knochenmännchen "Graf Orlok", das mit seinem Heer der Ratten Pest
und Verderbnis über Deutschland brachte?
Friedrich
W. Murnau: Nosferatu |
| Vielleicht
kann man NOSFERATU als einen Versuch sehen, die Verwüstungen und Schrecken
des Krieges durch die krankheitsverbreitende Allmacht des Vampirs zu symbolisieren.
Hier wie dort ist dem Einzelnen keine Möglichkeit zur Gegenwehr gegeben;
im Film sind die Instanzen machtlos, die Herren Beamten rennen beim Bekanntwerden
der Pest panisch aus dem Rathaus, und die Bevölkerung bleibt sich
selbst und dem unfaßbaren Schrecken überlassen. Bald wird ein
Sarg nach dem anderen durch die ausgestorbenen Straßen getragen,
und das Heer der Ratten tanzt auf den verlassenen Plätzen. |
|
In
diesem ersten aller Vampirfilme ist es eine mutige Frau als Opfer und Heldin
männlichen Leichtsinns, die den Sieg über das Phantom davonträgt.
Wie sie es in dem alten Buch gelesen hat, legt sie sich zur Nacht mit dem
Willen nieder, durch ihr eigenes Opfer und ihre Hingabe an den schrecklichen
Grafen dem Terror ein Ende zu setzen. Ihre Rechnung geht auf: von so viel
holder Hingabe gefesselt, versäumt Nosferatu den ersten Hahnenschrei
und zerfällt in einem Sonnenstrahl zu Staub.
Gute
10 Jahre später erfuhr der klassische Stoff eine erneute filmische
Umsetzung, und zwar diejenige, die bestimmend für das Bild des Vampirs
bleiben und ihren Hauptdarsteller auf Lebenszeit
mit dieser Rolle verbinden würde.
Nach
mehrjährigem Erfolg des Theaterstückes DRACULA am Broadway wurde
es von der Universal verfilmt, mit Béla Lugosi in der Titelrolle,
dem damals noch recht unbekannten ungarischen Emigranten. Im Lauf der Zeit
hat die Figur des Filmvampirs viele Wandlungen durchgemacht, und jede Ära
hat ihre eigenen Vorstellungen durch diese Figur dargestellt.
Dennoch
steht uns, wenn wir an "Dracula" denken, stets der elegante Herr mittleren
Alters mit dem gutsitzenden Abendanzug und dem langen schwarzen Cape vor
Augen. Seine wachsweißen Finger, von einem riesigen Siegelring geschmückt,
vollführen seltsame hypnotische Gesten vor dem schlafwandlerischen
Gesicht einer schönen Frau. Gleich wird er sie in seine Arme schließen,
das Cape um sie beide ziehen... und Abblende. Lugosis Darstellung, obwohl
freilich heutzutage übertrieben und theatralisch erscheinend und bisweilen
eines unfreiwilligen Humors nicht entbehrend, bietet für uns immer
noch das Vorbild des Bösen Grafen.
Die
Dreißiger Jahre waren in den USA keine besonders rosige Zeit. Es
gab 8 Millionen Arbeitslose, der Börsenkrach hatte ein kollektives
Trauma verursacht. Der Mentalität der Amerikaner hat es damals entsprochen,
nicht den Instanzen die Schuld für die Katastrophe zu geben, sondern
nach dem Motto "Jeder ist seines eigenes Glückes Schmied" die Ursachen
bei seiner eigenen Unfähigkeit zu suchen. Das Normale, in die Gesellschaft
zum Wohle aller integrierte Verhalten hatte absoluten Vorrang über
individuelle Wünsche und Vorlieben, "asoziales" oder gar luxuriöses
Gebaren.
Béla
Lugosi |
| Dracula
als überdurchschnittliche Persönlichkeit bildete das eindeutige
Feindbild als Bedrohung der erzwungenen Vernünftigkeit. Seinen Verlockungen,
den Vorstellungen von Luxus, Reichtum, einem eigenen Schloß und Titel
erliegen die Frauen, untauglich für eine bürgerliche Ehe. Wie
bei NOSFERATU wird dem Zuschauer Selbstbeschränkung und Opferbereitschaft
empfohlen, um die marode Gesellschaft wieder gesunden zu lassen. Natürlich
waren diese Überlegungen nicht der Grund dafür, warum Béla
Lugosi bei der weiblichen Zuschauerschaft so unmäßig gut angekommen
ist. Er galt als das Idealbild des "latin lover", der übermäßig
elegante, dunkelhaarige Kavalier aus dem alten Europa, und war für
einige Zeit sogar das führende männliche Sexsymbol des frühen
Hollywood. |
|
Der
Vampirfilm umschreibt in erster Linie ausbeuterische Beziehungen. Stets
ist es das mehr oder weniger anziehende Halbwesen, das von der Abhängigkeit
der Sterblichen nach seiner überirdischen Zuwendung profitiert. Ich
brauche hier nicht näher auf die erotische Facette des Vampirs einzugehen,
die jedem Leser dieses Heftes vertraut sein dürfte. Diese Facette
war von jeher für die Freudianer unter den Filmrezensenten ein gefundenes
Fressen. Es ist behauptet worden, daß der Vampirmythos zur Bewältigung
tabuisierter Konflikte diene.
Die
Toten kehren wieder, um ihre geliebten Familienangehörigen zu besuchen
- der ödipale Wunsch kollidiert mit der Angst vor den Toten und Schuldgefühlen
wegen der "schmutzigen Phantasie". Aufgrund des in unserer Gesellschaft
herrschenden, unumgänglichen Inzest- Tabus ist eine Vereinigung mit
den geliebten Toten nicht möglich - und doch gerade das, was die Vampire
in all den vielen Filmen ausschließlich tun. Der Vampir verkörpert
ja nach Freud die nicht reproduktionsfähige, daher von der Gesellschaft
nicht gebilligte Art der sexuellen Hinwendung: Homosexualität, Fellatio
und Nekrophilie. Durch die Hingabe an das schaurige Wesen machen sich die
Lebenden mitschuldig und werden ebenfalls zu Vampiren. Sie sind Ausgestoßene
der Gesellschaft, die ihre abartigen Neigungen nicht billigen kann und
sie am Schluß sogar dafür vernichtet. In beinahe jedem Vampirfilm
gibt es den Archetyp des "ewigen van Helsing" als Hüter der Moral
und zu handfesten Waffen greifenden Verteidiger eines strengen Sittenkodex.
Bram
Stokers Roman "Dracula" aus dem Jahre 1897 markiert die Stelle, an der
die historische und Legendenüberlieferung vampiristischer Umtriebe
von der Populärkultur absorbiert wurden. Die viktorianische Ära
mit ihrer strengen bürgerlichen Ehemoral, unterdrückten Obsessionen
und Unauflösbarkeit der Ehe bot den geeigneten Nährboden für
ein so unschwer zu deutendes, von verbotenen Träumen und schändlichen
Lüsten sprechendes Werk. Der Roman feierte gewaltige Erfolge, und
auch heute noch ist er jedem Interessierten als klassische Bettlektüre
zu empfehlen.
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| In
den Vierziger Jahren erfuhr auch das Horrorgenre eine langsame und bislang
noch schleichende Wandlung, diente jedoch weiterhin für krisenbezogene
Entlastungsangebote. Die Bewunderung der 20er Jahre für Technik und
Fortschritt war jedoch langsam in Mißtrauen umgeschlagen. Thema vieler
Horrorfilme war nunmehr der "mad scientist", der eine Bedrohung durch Machtmißbrauch
wissenschaftlicher Kenntnisse darstellte. Allmählich schimmerte nun
auch die Furcht vor der Bedrohung durch "die Bombe" auf, die sich in der
SF der 50er Jahre zur vollsten Blüte entfalten sollte. |
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Die
Genrefilme der 40er Jahre waren nicht mehr so naiv und märchenhaft
wie die alten Klassiker. Anstelle der romantischen Sage um das Monster
(Dracula, Mumie, Frankenstein, Wolfsmann, Phantom der Oper) traten allmählich
menschlichere Erwägungen, komplexere Persönlichkeiten, besser
durchdachte Handlungen und Filmplots. Die großen Studios begannen
ihre klassischen Monster auszuverkaufen, Fortsetzung um Fortsetzung mit
immer haarsträubenderen Zusammenstellungen zu drehen. Es war eine
zwiespältige Ära für das Genre, denn so wie einerseits die
wunderbaren Klassiker ruiniert wurden, hat man auch etliche sehr gute Legenden
mit neuen Figuren und psychologisch angelegtem Schrecken erfunden.
Ich
möchte hier als Beispiel für einen Vampirfilm aus dieser Zeit
einen Film nehmen, in dem sich all die Zwiespältigkeit des Genres
der 40er Jahre vereint. In der Universal-Produktion SON OF DRACULA (1943)
spielte Lon Chaney jr., der leider längst nicht so begabte Sohn des
großen Stummfilmstars Lon Chaney, höchstpersönlich den
Grafen Dracula. Dieser ist einmal wieder nach Amerika übergesetzt,
aber nicht, um die Gesellschaft zu bedrohen und ihrer Frauen zu berauben,
sondern um zu heiraten und eine Plantage in den Südstaaten zu übernehmen.
Die junge Erbin, mit dem Okkulten vertraut und auf bestem Fuße, wollte
durch Draculas magische Fähigkeiten die Unsterblichkeit erlangen.
Lon
Chaney als Graf Dracula |
| SON
OF DRACULA bietet eine schön konzipierte Atmosphäre mit einfallsreichen
Sequenzen und für jene Zeit sehr beeindruckenden Trickaufnahmen. Zum
Beispiel sehen wir hier zum ersten Mal die Verwandlung des Vampirs in eine
Fledermaus oder in eine Rauchschwade, eine Verbindung mehrerer Trickverfahren
mit einem optischen Effekt, der sich auch heute nicht zu verstecken braucht.
Eigentlich ein wunderhübscher Film - wenn nicht Lon Chaney jr. als
Dracula gar so behäbig und gemütlich wirkte. |
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Lugosi
soll es ihm nie verziehen haben, daß er ihm ,die Rolle weggenommen
hatte". Sogar in hohem Alter kam es noch einmal zu einer Auseinandersetzung
der beiden deswegen. Zur Drehzeit von SON OF DRACULA schon schwerer Alkoholiker,
stand der Schauspieler wohl nur an den Vormittagen zur Verfügung.
Seine vierschrötige Figur, das massige Gesicht und die nicht eben
elegante Haltung nahmen der Figur des Grafen viel von seiner durch Lugosi
geprägten Nachttier-Geschmeidigkeit und Wirkung. Daß SON OF
DRACULA dennoch als Horrorfilm funktioniert und den Zuschauer nicht unbefriedigt
zurückläßt, liegt an den schönen Kulissen, der stimmungsvollen
Atmosphäre und den guten Nebendarstellern.
Béla
Lugosi drehte in dieser Zeit einen Vampirfilm namens RETURN OF THE VAMPIRE
in Großbritannien, in welchem er als "Graf Tesla" aus den Bombenruinen
eines fiktiven Nachkriegslondon auferstand.
In
den 50er Jahren erfuhr das Horrorgenre einige tiefe Einschnitte. Der Geschmack
des Publikums richtete sich eher auf die neu aufgekommene Science Fiction
mit ihren Invasionsängsten und dem ultimativen Schrecken "Atombombe".
Einige
fundamentale Wandlungen in der Situation der großen Hollywoodstudios,
die sich nach dem sog. "Entflechtungsurteil" von ihren Kinos trennen mußten,
was diesen einen freien Spielplan garantierte, bewirkten einen Rückgang
der Filmproduktion um ganze 50 %. Das Aufkommen des Fernsehens im Jahre
1950 hatte einen weiteren Rückgang zur Folge. Das Kino wurde zum Aufenthaltsort
für Jugendliche; die alten Universal-Klassiker liefen im Nachmittagsprogramm
für Scharen frankensteinsüchtiger amerikanischer Kinder.
| Verlassen
wir die Misere in den USA und begeben wir uns über den großen
Teich nach Europa. Nach dem Ende des expressionistischen Stummfilms hat
es hier ein paar wenige, dafür aber hervorragende Genrefilme gegeben.
Der leider nur selten gezeigte VAMPYR des Carl Theodor Dreyer aus dem Jahre
1931 gehört dazu. Ein verstörender, wirklich unheimlicher Film,
der seine Wirkung nicht aus aufwendigen Trickaufnahmen oder einer charismatischen
Hauptfigur wie Lugosis Dracula zieht, sondern feinsinnig angelegt auf psychologische
Wirkungen zielt. VAMPYR läßt sich mit dem Hollywoodkino der
30er Jahre nicht vergleichen, er ist eine sonderbare und mysteriöse
Ausnahme in den immer wiederkehrenden Schemata des Vampirfilms. |
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Beeinflußt
von Sheridan LeFanus Novelle "Carmilla" hatte er wohl zum ersten Mal in
der Geschichte des Vampirfilms einen weiblichen Blutsauger zu bieten -
aber nicht etwa eine hübsche, gelockte Ex-Stummfilmschönheit,
sondern eine gräßliche alte Vettel, die ein ganzes Dorf unter
ihrem unheilbringenden Bann hielt.
1947
war das Jahr eines großen Ereignisses auf dem Horrorsektor: die berühmten
Hammer-Studios wurden in ihrer späteren Form gegründet. Sie lieferten
britische B-Filme für das amerikanische Fernsehen. Als nach FRANKENSTEIN
(1957) der Durchbruch für die Hammer-Studios kam, kauften sie die
Rechte an den alten Monstern von der Universal. Dies war der Beginn eines
der bekanntesten Abschnitte in der Geschichte des Vampirfilms; ein neuer,
dynamischer Typus des Bösen Grafen sollte sich aus den Trümmern
der alten Klassiker erheben.
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