DER
DÄMON UND DIE JUNGFRAU (LA FRUSTA E IL CORPO)
Italien
1963
Regie:
Mario Bava
Darsteller:
Daliah Lavi, Christopher Lee, Isli Oberon, Tony Kendall
DVD,
e-m-s, ca. 84 min., FSK ab 16
Mitte
des 19. Jahrhunderts, irgendwo in Europa: In einem düsteren, alten
Schloß residiert - gemeinsam mit seinem Sohn Christian, dessen Frau
Nevenka und seiner Nichte Katia - der alte Graf Menliff. Eines Abends kehrt
überraschend Kurt, der verstoßene und enterbte ältere Sohn
des Grafen ins Schloß zurück. Ihm wird der Selbstmord der Tochter
der Haushälterin Giorgia angelastet, die sich erdolchte, nachdem dieser
sie entehrt und dann verlassen hatte.
Der
Empfang im Schloß ist nicht gerade herzlich und schon am nächsten
Morgen macht Kurt seinem schlechten Ruf als "schwarzes Schaf" der Familie
wieder alle Ehre: Erst belästigt er Katia, im Anschluß verlangt
er von seinem Vater, ihn wieder als Erben für Titel und Besitz einzusetzen
und schließlich läßt er auch seine alte Affaire mit Schwägerin
Nevenka wieder aufleben - eine Liason, die keinesfalls alltäglicher
Natur ist, denn die masochistische Nevenka verfällt dem dominanten
Kurt gegenüber in eine offenkundig sexuelle Abhängigkeit. Doch
nach einem Intermezzo mit seiner Schwägerin wird Kurt eines Nachts
ermordet aufgefunden - wer war der Täter? Niemand scheint ihm ernsthaft
nachzutrauern, niemand außer Nevenka, die sich schließlich
den nächtlichen Heimsuchungen seines Geistes ausgesetzt sieht...
Der
abermals ziemlich dümmliche deutsche Verleihtitel "Der Dämon
und die Jungfrau" (der Originaltitel lautet "La frusta e il corpo", was
nichts anders bedeutet als "Die Peitsche und der Leib") mag, ebenso wie
einige der damaligen reißerisch aufgemachten Filmplakate, falsche
Assoziationen wecken - die plakative Zurschaustellung eines gepeitschten
Frauenkörpers ist durchaus nicht das Thema dieses 1963 entstandenen
Klassikers. Unter der Regie von Horror-Maestro Mario Bava geriet der Film
zu einem, im gotischen Schauerambiente angesiedelten, phantastischen Drama
um Wahnsinn und Sadomasochismus, in dem die klassischen Horrorelemente
Sex und Tod eine ähnlich gelungene Symbiose eingehen wie in Riccardo
Fredas berüchtigtem Nekrophiliethriller "L'orribile segreto del Dottore
Hichcock" (für dessen Drehbuch übrigens ebenfalls Autor Ernesto
Gastaldi verantwortlich war).
Vordergründig
präsentiert sich die hier erzählte Geschichte als eine Art gotisches
"Whodunit": Das Rätsel um die geheimnisvollen Morde und die Frage,
ob es sich nun um einen Täter aus Fleisch und Blut oder um einen Geist
handelt, stehen zunächst im Mittelpunkt. Doch im Verlauf der Handlung
fokussiert sich die Story mehr und mehr auf Nevenka und ihre masochistische
Obsession für den finsteren Adelssproß Kurt Menliff, und offeriert
dem Zuschauer zugleich einen Trip in die dunklen, verborgenen Seiten der
menschlichen Psyche. Mario Bava gelang es, das Thema Sadomasochismus auf
eine zugleich höchst ästhetisierte wie verstörende und psychologisch
komplexe Art zu verarbeiten, ohne dabei jemals moralisch zu bewerten oder
sich, was einfach gewesen wäre, in simple Exploitationbereiche zu
begeben. Zwar muß Nevenka - aufgrund der herrschenden gesellschaftlichen
Konventionen - an ihrer Leidenschaft scheitern und zugrunde gehen, doch
wird sie im gesamten Film niemals als "krank" oder "pervers" denunziert
und wird vor dem Hintergrund der verrotteten und heuchlerischen Sippe der
Menliffs sogar recht schnell zur eigentlichen Sympathieträgerin der
Geschichte.
Düster-unwirkliche
Technicolorfarben und essentielle Stilmittel des klassischen Gothic Horror
(das alte Schloß, eine unheimliche Gruft, verwinkelte Geheimgänge
etc.) dominieren die Szenerie. |
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Den
ganzen Film hindurch schwelgt Bava in dieser traumhaften, gotischen Atmosphäre,
perfektioniert diese jedoch noch durch eine Reihe unglaublich virtuoser
Beleuchtungstricks - so werden die Farben hier zu einem eigenen Ausdrucksmittel,
zu einer Sprache, und die Ausdruckskraft dieser Bildsprache wird durch
Carlo Rustichellis wunderbare Musik (dessen Windsor Concerto hier als immer
wiederkehrendes, mehrfach variiertes Leitmotiv fungiert) noch intensiviert
und vervollkommnet. Die Szenen, in denen Nevenka sich Kurts Leidenschaften
(= seinen Peitschenhieben) hingibt, sind in einem irritierend romantischen
Stil gefilmt und sorgen somit zugleich für eine Verwirrung des konventionell
denkenden Zuschauers, der sich (obgleich evt. empört von dem, was
er sieht) schwerlich dem Reiz dieser Bilder entziehen kann und so mit einer
völlig anderen Facette seiner selbst konfrontiert wird. In den zensierten
Fassungen des Films wurden die Sequenzen, in denen Nevenka ganz offensichtlich
und unverhohlen diese unkonventionellen "Zärtlichkeiten" genießt,
entfernt. Somit wurde auch die ganze Handlung verfälscht und aus der
hier erzählten bizarren Romanze wurde die Story eines Opfers, das
von einem Sadisten terrorisiert wird.
Doch
neben der technischen Perfektion beeindruckt "Der Dämon und die Jungfrau"
auch mit seiner Besetzung. Mit Christopher Lee, dessen Popularität
seit dem 1958 entstandenen Hammerklassiker Dracula garantiert war und der
zwei Jahre zuvor in "Vampire gegen Herakles" erstmals unter Bavas Regie
agierte und hier eine überzeugend-charismatische Performance als Kurt
Menliff liefert, kann der Film einen Hauptdarsteller von internationalem
Format aufweisen. Doch der eigentliche Star des Films ist die damals 20jährige
israelische Schauspielerin Daliah Lavi, die ursprünglich als Fotomodell
arbeitete und 1959 parallel eine Karriere als Schauspielerin startete.
Für die Rolle der Nevenka war sie einfach das perfekte Gesicht zugleich
auch ein optimaler Gegenpart zu der weitaus "diesseitiger" wirkenden Katia-Darstellerin
Isli Oberon.
Zur
DVD-Umsetzung:
Mit
der restaurierten Fassung von "Der Dämon und die Jungfrau" präsentiert
das Dortmunder Label e-m-s den rundum gelungenen Auftakt zu der Reihe "The
Films of Mario Bava". Die Bildqualität (Widescreen 1.85:1 anamorph)
dieser Veröffentlichung ist einfach hervorragend ausgefallen und übertrifft
im Vergleich die der US-DVD von VCI bei weitem. Die schönen Technicolorfarben
kommen bestens zur Geltung, der Kontrastreichtum ist sehr gut und auch
die Detailschärfe läßt nichts zu wünschen übrig.
Beim Ton (Deutsch, Englisch und - obwohl auf dem Cover nicht erwähnt
- Italienisch in DD 1.0 mono, Untertitel sind einblendbar) müssen
zwar altersbedingt ein paar Abstriche gemacht werden, doch ist auch dieser
sehr ordentlich ausgefallen, bietet ein ausgewogenes Mischungsverhältnis
von Dialogen und Musik und zeigt keinerlei starke Störungen oder Zerrungen.
Sehr erfreulich ist auch der Bonusteil ausgefallen: Hier werden eine sehr
umfangreiche Bildergalerie, drei Trailer, alternative Titelsequenzen, Biographien
und als besonderes Highlight ein informativer Audiokommentar des amerikanischen
Filmhistorikers und Bava-Biographen Tim Lucas geboten. Dieser ist übrigens
identisch mit dem auf der US-DVD und setzt gute Englischkenntnisse voraus,
denn Untertitel sind dafür leider nicht vorhanden.
Lob
gebührt auch den sehr geschmackvoll gestalteten Menüs und wunderhübsch
geraten ist auch die Aufmachung der DVD: Das Amaray-Case steckt in einem
schön gestalteten Pappschuber (Artwork von Schuber und Case sind übrigens
unterschiedlich), außerdem liegt auch ein informatives, achtseitiges
Booklet bei. "Der Dämon und die Jungfrau" ist einer der visuell beeindruckendsten
Horrorklassiker Mario Bavas und wurde hier auf einer - sowohl in technischer
Qualität wie auch in puncto liebevoller Ausstattung und Aufmachung
- durchweg begeisternden DVD veröffentlicht.
©Thomas
Wagner |