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Der Dämon und die Jungfrau 
(La Frusta e il Corpo)
Mitte des 19. Jahrhunderts, irgendwo in Europa: In einem düsteren, alten Schloß residiert - gemeinsam mit seinem Sohn Christian, dessen Frau Nevenka und seiner Nichte Katia - der alte Graf Menliff. Eines Abends kehrt überraschend Kurt, der verstoßene und enterbte ältere Sohn des Grafen ins Schloß zurück. Ihm wird der Selbstmord der Tochter der Haushälterin Giorgia angelastet, die sich erdolchte, nachdem dieser sie entehrt und dann verlassen hatte. 

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DÉDALES - WÜRFEL UM DEIN LEBEN
(DÉDALES) 

Frankreich 2003
Regie: René Manzor 
Darsteller: Sylvie Testud, Lambert Wilson, Fréderic Diefenthal

DVD, Anolis/e-m-s, ca. 95 min., FSK ab 16

Rein äußerlich wirkt die junge Claude (Sylvie Testud), als könne sie keiner Fliege etwas zu Leide tun - doch hinter der zierlichen jungen Frau mit den dicken Brillengläsern verbirgt sich eine Serienmörderin, die 27 Menschen auf dem Gewissen haben soll. Da Claude behauptet, sich an keine ihrer Taten erinnern zu können, wird sie in eine Hochsicherheitsanstalt überführt und soll dort auf ihre Schuldfähigkeit untersucht werden. 

Dort stellt sich bald heraus, daß Claude an einem extremen Fall von multipler Persönlichkeitsstörung leidet. Der erfahrene Psychiater Brennac (Lambert Wilson) wird von dem Anstaltsleiter Dr. Freud (Michel Duchaussoy) mit dem Fall betraut und macht sich nun an die schwierige Aufgabe, Schicht für Schicht die einzelnen Persönlichkeiten kennenzulernen, hinter denen die wirkliche Claude sicht versteckt. Brennac sieht sich schließlich mit einem faszinierenden Fall von Schizophrenie konfrontiert: Claudes Kopf-Welt erscheint als das mythische Labyrinth von Knossos und ist von den Gestalten der griechischen Sagenwelt bevölkert, deren abgewandelte Persönlichkeiten die Psyche der Patientin dominieren: Daedalus fungiert als der rationelle und weise Über-Vater. Die unabhängige und selbstbewußte Ariadne übernimmt die Rolle einer "Ministerin für äußere Angelegenheiten". Der ängstliche junge Theseus personifiziert das Kind in Claude und schließlich ist da auch noch der jähzornige, übermenschlich starke Minotaurus, der zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen neigt. Und all diese Persönlichkeiten kämpfen um ihre Daseinsberechtigung... 

Der französische Thriller "Dédales" entstand 2003 in der Regie von René Manzor, der auch das Drehbuch verfaßte. Manzor entwirft hier eine von Anfang bis Ende durchgehend spannende Mixtur aus Psychodrama und Horrorfilm, die den Zuschauer auf eine unter die Haut gehende Achterbahnfahrt quer durch das Labyrinth der menschlichen Psyche entführt. "Das Individuum besteht aus der Summe der zahlreichen Möglichkeiten die es in sich birgt" heißt es im einführenden Monolog und diese Möglichkeiten sind - hier am Beispiel der Protagonistin Claude - gleichermaßen faszinierend und erschreckend. 
Die Geschichte wird in Form einer Montage aus zwei zeitlich versetzten Handlungssträngen erzählt: Wir erleben einerseits den Verlauf der Therapie in der Anstalt und Dr. Brennacs Versuche, Claude Schritt für Schritt näher zu kommen. Parallel dazu werden die Ereignisse der letzten sieben Tage vor Claudes Verhaftung geschildert. Dabei erleben wir auch die Ermittlungsarbeit der Polizei, vor allem der Profiler Mathias (Frédéric Diefenthal), ein neurotischer Außenseiter, der an merkwürdigen hellsichtigen Visionen leidet, steht hier im Mittelpunkt. 


Raffiniert konzipierte Rückblenden, die meist mehr andeuten als erklären, schlagen die dramaturgische Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ebenso wie Claude verlieren wir uns Schritt für Schritt mehr in einem Labyrinth aus Visionen und Träumen, tatsächlichen und eingebildeten Erinnerungen, und suchen vergeblich nach dem sprichwörtlichen "Faden der Ariadne", der zu einem Ausweg bzw. einer logischen Auflösung führen könnte. Eine solche gibt es dann letztendlich tatsächlich noch und damit präsentiert Manzor einen Clou, der zwar in ähnlicher Form durchaus schon zuvor filmisch umgesetzt wurde, hier aber allen geschickt gestreuten Spuren und Querverweisen zum Trotz als unvorhersehbarer Knalleffekt daherkommt und den Zuschauer gelinde überwältigt zurücklaßt. 

Filmisch gelang dem Regisseur eine kongeniale Umsetzung seines Drehbuchs. In kühlen Bildern, einer exzellenten Kameraarbeit und Schnittechnik, wird eine der Story angemessene Atmosphäre entworfen, die trotz (oder gerade wegen?) eines Verzichts auf explizite Blutbäder den Zuschauer fesselt. Doch in erster Linie ist "Dédales" auch richtig großes Schauspielerkino: Was Sylvie Testud aus der Rolle der Claude macht, ist schlichtweg atemberaubend und eigentlich einen Oscar wert. Für jede ihrer diversen Persönlichkeiten findet sie ein individuelles Erscheinungsbild und läßt diese als eigenständige Charaktere lebendig werden. Nicht nur ihre Mimik und Gestik, auch die ganze Körperhaltung verändert sich mit jedem neuen Persönlichkeitswechsel und dabei bleibt sie stets glaubwürdig und gleitet kein einziges Mal in schmierenkomödiantisches Overacting ab (was gerade bei der Darstellung von Geisteskrankheiten leicht passieren kann). Ebenfalls hervorragende Leistungen liefern Lambert Wilson als engagierter und dennoch immer ein wenig undurchschaubarer Psychiater und Fréderic Diefenthal als an seinen Visionen leidender Profiler, der sein zerrütettetes Innenleben künstlerisch zu kompensieren sucht. Allerdings haben sie es nicht leicht, mit dem kreativen Schauspielfeuerwerk ihrer Kollegin mitzuhalten. 
"Dédales" ist mit Sicherheit eine der aufregendsten DVD-Veröffentlichungen des Jahres und zeigt, welches kreative Potential im europäischen Kino stecken kann, das sich hier einmal wieder angenehm vom US-Horror-Mainstream abhebt. Dem rührigen Label Anolis gebührt abermals Dank und Anerkennung für eine weitere faszinierende Entdeckung auf diesem Sektor. 
 

Zur DVD-Umsetzung: 
Die DVD von Anolis Entertainment (wie üblich im Vertrieb von e-m-s) präsentiert den Film in einer sehr guten Bild- (1:1,85 Widescreen anamorph) und Tonqualität (DD 5.1 in Deutsch und Französisch, deutsche Untertitel sind einblendbar); hier bietet sich kein Anlaß zur Kritik. Die Extras umfassen ein Making Of (dieses hätte hier ruhig etwas umfangreicher ausfallen können), Trailer und eine Slideshow. 
 
 

©Thomas Wagner