DÉDALES
- WÜRFEL UM DEIN LEBEN
(DÉDALES)
Frankreich
2003
Regie:
René Manzor
Darsteller:
Sylvie Testud, Lambert Wilson, Fréderic Diefenthal
DVD,
Anolis/e-m-s, ca. 95 min., FSK ab 16
Rein
äußerlich wirkt die junge Claude (Sylvie Testud), als könne
sie keiner Fliege etwas zu Leide tun - doch hinter der zierlichen jungen
Frau mit den dicken Brillengläsern verbirgt sich eine Serienmörderin,
die 27 Menschen auf dem Gewissen haben soll. Da Claude behauptet, sich
an keine ihrer Taten erinnern zu können, wird sie in eine Hochsicherheitsanstalt
überführt und soll dort auf ihre Schuldfähigkeit untersucht
werden.
Dort
stellt sich bald heraus, daß Claude an einem extremen Fall von multipler
Persönlichkeitsstörung leidet. Der erfahrene Psychiater Brennac
(Lambert Wilson) wird von dem Anstaltsleiter Dr. Freud (Michel Duchaussoy)
mit dem Fall betraut und macht sich nun an die schwierige Aufgabe, Schicht
für Schicht die einzelnen Persönlichkeiten kennenzulernen, hinter
denen die wirkliche Claude sicht versteckt. Brennac sieht sich schließlich
mit einem faszinierenden Fall von Schizophrenie konfrontiert: Claudes Kopf-Welt
erscheint als das mythische Labyrinth von Knossos und ist von den Gestalten
der griechischen Sagenwelt bevölkert, deren abgewandelte Persönlichkeiten
die Psyche der Patientin dominieren: Daedalus fungiert als der rationelle
und weise Über-Vater. Die unabhängige und selbstbewußte
Ariadne übernimmt die Rolle einer "Ministerin für äußere
Angelegenheiten". Der ängstliche junge Theseus personifiziert das
Kind in Claude und schließlich ist da auch noch der jähzornige,
übermenschlich starke Minotaurus, der zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen
neigt. Und all diese Persönlichkeiten kämpfen um ihre Daseinsberechtigung...
Der
französische Thriller "Dédales" entstand 2003 in der Regie
von René Manzor, der auch das Drehbuch verfaßte. Manzor entwirft
hier eine von Anfang bis Ende durchgehend spannende Mixtur aus Psychodrama
und Horrorfilm, die den Zuschauer auf eine unter die Haut gehende Achterbahnfahrt
quer durch das Labyrinth der menschlichen Psyche entführt. "Das Individuum
besteht aus der Summe der zahlreichen Möglichkeiten die es in sich
birgt" heißt es im einführenden Monolog und diese Möglichkeiten
sind - hier am Beispiel der Protagonistin Claude - gleichermaßen
faszinierend und erschreckend.
Die
Geschichte wird in Form einer Montage aus zwei zeitlich versetzten Handlungssträngen
erzählt: Wir erleben einerseits den Verlauf der Therapie in der Anstalt
und Dr. Brennacs Versuche, Claude Schritt für Schritt näher zu
kommen. Parallel dazu werden die Ereignisse der letzten sieben Tage vor
Claudes Verhaftung geschildert. Dabei erleben wir auch die Ermittlungsarbeit
der Polizei, vor allem der Profiler Mathias (Frédéric Diefenthal),
ein neurotischer Außenseiter, der an merkwürdigen hellsichtigen
Visionen leidet, steht hier im Mittelpunkt. |
 |
Raffiniert
konzipierte Rückblenden, die meist mehr andeuten als erklären,
schlagen die dramaturgische Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Ebenso wie Claude verlieren wir uns Schritt für Schritt mehr in einem
Labyrinth aus Visionen und Träumen, tatsächlichen und eingebildeten
Erinnerungen, und suchen vergeblich nach dem sprichwörtlichen "Faden
der Ariadne", der zu einem Ausweg bzw. einer logischen Auflösung führen
könnte. Eine solche gibt es dann letztendlich tatsächlich noch
und damit präsentiert Manzor einen Clou, der zwar in ähnlicher
Form durchaus schon zuvor filmisch umgesetzt wurde, hier aber allen geschickt
gestreuten Spuren und Querverweisen zum Trotz als unvorhersehbarer Knalleffekt
daherkommt und den Zuschauer gelinde überwältigt zurücklaßt.
Filmisch
gelang dem Regisseur eine kongeniale Umsetzung seines Drehbuchs. In kühlen
Bildern, einer exzellenten Kameraarbeit und Schnittechnik, wird eine der
Story angemessene Atmosphäre entworfen, die trotz (oder gerade wegen?)
eines Verzichts auf explizite Blutbäder den Zuschauer fesselt. Doch
in erster Linie ist "Dédales" auch richtig großes Schauspielerkino:
Was Sylvie Testud aus der Rolle der Claude macht, ist schlichtweg atemberaubend
und eigentlich einen Oscar wert. Für jede ihrer diversen Persönlichkeiten
findet sie ein individuelles Erscheinungsbild und läßt diese
als eigenständige Charaktere lebendig werden. Nicht nur ihre Mimik
und Gestik, auch die ganze Körperhaltung verändert sich mit jedem
neuen Persönlichkeitswechsel und dabei bleibt sie stets glaubwürdig
und gleitet kein einziges Mal in schmierenkomödiantisches Overacting
ab (was gerade bei der Darstellung von Geisteskrankheiten leicht passieren
kann). Ebenfalls hervorragende Leistungen liefern Lambert Wilson als engagierter
und dennoch immer ein wenig undurchschaubarer Psychiater und Fréderic
Diefenthal als an seinen Visionen leidender Profiler, der sein zerrütettetes
Innenleben künstlerisch zu kompensieren sucht. Allerdings haben sie
es nicht leicht, mit dem kreativen Schauspielfeuerwerk ihrer Kollegin mitzuhalten.
"Dédales"
ist mit Sicherheit eine der aufregendsten DVD-Veröffentlichungen des
Jahres und zeigt, welches kreative Potential im europäischen Kino
stecken kann, das sich hier einmal wieder angenehm vom US-Horror-Mainstream
abhebt. Dem rührigen Label Anolis gebührt abermals Dank und Anerkennung
für eine weitere faszinierende Entdeckung auf diesem Sektor.
Zur
DVD-Umsetzung:
Die
DVD von Anolis Entertainment (wie üblich im Vertrieb von e-m-s) präsentiert
den Film in einer sehr guten Bild- (1:1,85 Widescreen anamorph) und Tonqualität
(DD 5.1 in Deutsch und Französisch, deutsche Untertitel sind einblendbar);
hier bietet sich kein Anlaß zur Kritik. Die Extras umfassen ein Making
Of (dieses hätte hier ruhig etwas umfangreicher ausfallen können),
Trailer und eine Slideshow.
©Thomas
Wagner |