Christopher
Lee - Der letzte Horrorstar
Thomas
Wagner
Der
britische Schauspieler Christopher Lee ist einer der letzten noch lebenden
Vertreter des klassischen Horrorfilms: Er ist seit 56 Jahren im Filmgeschäft,
spielte gemeinsam mit Leinwandlegenden wie Boris Karloff und Vincent Price,
und entwarf mit seiner Darstellung des Dracula einen neuen Archetyp des
Vampirs, der das Horrorkino über viele Jahre hinweg prägte. Von
allen noch agierenden Schauspielern kann er in seiner Filmographie die
meisten Rollen vorweisen: Zählt man Kinofilme und Auftritte in Fernsehserien
zusammen, so kommt man auf über 230 Credits, ein Umfang, auf den man
hier natürlich unmöglich angemessen eingehen kann. Doch es soll
ein kleiner Überblick über Leben und Karriere dieses Veteranen
geboten werden, und es sind oft genug gerade die unterbewerteten oder vergessenen
B-Pictures, in denen sich seine beeindruckendsten Auftritte finden lassen
…
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| Christopher
Frank Carandini Lee wurde am 27. Mai 1922 als zweites Kind des britischen
Offiziers Geoffrey Trollop Lee und der italienischen Contessa Estelle Marie
Carandini in London geboren. 1928 wurde die Ehe geschieden und Lees Mutter
heiratete einen wohlhabenden Bankier; der kleine Christopher wurde zunächst
auf eine Eliteschule in Oxford geschickt, wo er bald seine musischen Neigungen
zu entdecken begann. |
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Er
wirkte in Shakespeare-Inszenierungen des Schultheaters mit und lernte phantastische
Literatur kennen, ein Gebiet, mit dem er sich bis zum heutigen Tage beschäftigt
(so lernte er später z. B. Autoren wie Robert Bloch, Ray Bradbury
und J.R.R. Tolkien kennen). Schließlich bestand er erfolgreich die
Aufnahmeprüfung für das elitäre Eton College, wo niemand
anders als M. R. James Dekan war, dessen phantastische Erzählungen
Lee verehrte. Doch zu Lees großer Entäuschung wurde nichts aus
Eton, denn die Finanzlage seines Stiefvaters begann sich zusehends zu verschlechtern.
Man
schickte ihn statt dessen auf das nicht ganz so exquisite Wellington College,
eine mit militärischer Strenge geführte Schule, die Lee recht
bald verabscheute. Er wurde ein Einzelgänger, ein "schwieriges Kind"
und verstand sich mit seinen Mitschülern ebensowenig wie mit seinen
Lehrern. "Ich war unter die Barbaren gefallen", erinnerte sich Lee,
"und
ich konnte nichts dagegen tun, als für die nächsten vier Jahre
die Zähne zusammenzubeißen." Frustriert versuchte er sich
über diese Zeit mit einer noch intensiveren Beschäftigung mit
Literatur hinwegzutrösten: Er floh in die phantastischen Welten von
Poe, Bierce, Blackwood, James und Stoker …
1939
ging sein Stiefvater endgültig bankrott. Lee wurde vom College genommen
und begann für 1 £ die Woche als Bürohilfe zu arbeiten,
um die schlagartig verarmte Familie zu unterstützen. Die Langeweile
des ungewollten Arbeitslebens ersetzte jetzt den verhaßten Schulalltag
und wieder war es die phantastische Literatur, aber auch Theater und Film,
die Lee einen Ausgleich zu dieser öden Existenz boten. Zu Beginn des
Jahres 1941 meldete er sich schließlich freiwillig zur Royal Air
Force, war zunächst in Afrika stationiert und wurde schließlich
einer Geheimdiensteinheit zugeteilt. 1946 nahm er seinen Abschied aus der
Armee und verzichtete auf eine weitere militärische Karriere: "Ich
hatte keine Lust mehr. Fünf Jahre Krieg, dankeschön, sind genug
für die meisten Menschen."
Der
inzwischen 24jährige Lee beschloß sein Glück als Schauspieler
zu versuchen und es gelang ihm, einen 7-Jahres-Vertrag von der damals führenden
britischen Filmgesellschaft Rank Organisation zu erhalten, von der er auch
eine umfassende schauspielerische Ausbildung erhielt. Im gleichen Jahr
kam es in einer BBC-Fernsehshow auch zu seinem erstem Auftritt vor der
Kamera, erste Filmauftritte boten sich ihm 1947, so u. a. auch eine Nebenrolle
in Laurence Oliviers legendärer Hamlet-Verfilmung. In den kommenden
Jahren folgten zahlreiche weitere kleine Rollen und zugleich konnte er
seinen Lebensunterhalt auch durch die Arbeit als Synchronsprecher aufbessern,
wobei ihm seine klangvolle und vielseitige Stimme (so verfügte er
auch über eine Gesangsausbildung) sehr gelegen kam.
Im
Jahr 1956 bahnte sich eine einschneidende Veränderung in Christopher
Lees Karriere an. Die Produktionsfirma Hammer Film Productions Ltd. hatte
im Verlauf der Nachkriegszeit umfangreichere Aktivitäten entwickelt;
mit der Verbreitung des Fernsehens kam es jedoch zu einem Rückgang
der Kinobesuche. Wollte man die Leute vom heimischen Sofa weg ins Kino
locken, mußte man entweder mit teuren Weltstars aufwarten oder etwas
Neues, Spektakuläres bieten. Hollywoodgagen konnte man sich bei dem
Low Budget-Unternehmen Hammer nicht leisten, und so entschied man sich
für letztere Variante und wandte sich phantastischen Elementen zu.
Nach recht guten Erfolgen mit den Science Fiction-Filmen The Quatermass
Xperiment (1955) und X – The Unknown (1956) beschloß man,
ein Remake von James Whales Klassiker Frankenstein (1931) zu drehen.
Hammer
Productions waren sich durchaus des Risikos bewußt, das sie mit einem
Frankenstein-Remake
eingingen: In den 50er Jahren hatte Science Fiction den Horrorfilm immer
mehr von den Leinwänden verdrängt. Das junge Publikum begeisterte
sich an gigantischen, atomar mutierten Krabbeltieren und Ufos und ließ
sich schwerlich durch die alten Schauergestalten beeindrucken. In den USA
hatte die Produktionsgesellschaft Universal selbst zum Tod ihrer alten
Monster beigetragen, indem sie seit den 40er Jahren immer haarsträubendere
Sequels präsentierte, die mit den semiexpressionistischen Kunstwerken
der 30er Jahre kaum noch etwas gemein hatten und sich oft unfreiwillig
selbst parodierten.
Wollte
man das jetzige Publikum mit gotischem Horror konfrontieren, so mußte
man ihn auf eine völlig neue, noch nie dagewesene Art präsentieren:
Mit weniger Theatralik, dafür aber mit realistisch anmutenden Charakteren;
mit komplexeren Drehbüchern und mit einem durchaus provozierenden
Anteil an Gewalt und Sex (dies natürlich in den Bahnen der damaligen
Möglichkeiten).
Außerdem
wurde hier erstmals in der Geschichte der Hammer Productions ein Farbfilm
gedreht und die Möglichkeiten, die dieses Medium bot, sollten bis
zur Neige ausgeschöpft werden: Blut war jetzt blutrot und sollte nicht
zu sparsam Verwendung finden.
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| All
dies kombiniert sollte der typische Stil des "Hammer House of Horror" werden,
und er wurde in The Curse of Frankenstein geboren. Drehbuchautor
Jimmy Sangster schuf ein Skript, das nur noch vage auf Mary W. Shelleys
Romanvorlage basierte und sich auch nicht wesentlich an den alten amerikanischen
Verfilmungen der Universal orientierte. Hier stand nicht mehr das Monster,
sondern sein Schöpfer im Vordergrund. |
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Hervorragend
dargestellt von dem britischen Schauspieler Peter Cushing (1913-1994) präsentierte
sich der Victor Frankenstein der Hammer-Version als ein hochintelligenter,
gewissenloser Dandy voller Elan und zynischem Witz, dem jegliche moralischen
Selbstzweifel und Schuldgefühle fremd sind.
Für
die Rolle des Monsters wurde Christopher Lee engagiert, den übrigens
eine enge Freundschaft mit Hauptdarsteller Peter Cushing verband. Bis 1983
sollten die beiden Darsteller in insgesamt 21 Filmen gemeinsam vor der
Kamera stehen.Aus Copyrightgründen durfte die Monstermaske keinesfalls
der ähneln, die einst Boris Karloff in den Universal-Klassikern trug.
Etwas anderes mußte entworfen werden, doch ein Konzept für eine
neue Maske existierte noch nicht. Nach diversen mißratenen Versuchen
kreierte Maskenbildner Phil Leakey schließlich eine zerstörte
Physiognomie, die Lee wie das Opfer eines schweren Autounfalls aussehen
ließ, ihm zugleich jedoch viel Spielraum für die mimische Darstellung
der Kreatur ließ – ein wichtiger Faktor, denn das Monster sprach
im ganzen Film kein Wort.
| Am
19. November 1957 begannen die Dreharbeiten zu The Curse of Frankenstein.
Drehort war ein zwischen Windsor Castle und dem Dorf Bray gelegener
Landsitz, den Hammer erworben und Bray Studios getauft hatten. Das authentische
Umfeld des dort gelegenen alten Herrenhauses ersparte die Kosten für
aufwendige Kulissen und wirkte zugleich auch viel authentischer; bis zum
Ende der 60er Jahre entstanden dort nahezu sämtliche Horrorfilme der
Hammer Productions. Angemessen umgesetzt wurde die Geschichte von Terence
Fisher (1904-1980), dessen Name untrennbar mit den Hammer-Klassikern verbunden
ist. Sein gediegener, doch trozdem dynamischer Regiestil war perfekt für
gotischen Horror. |
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"Jede
Einstellung ist wie eine Seite aus einer Gothic Novel", schrieb der
US-Filmhistoriker Mark A. Miller über Fishers Bildsprache. The
Curse of Frankenstein wurde in knappen 2 Monaten fertiggedreht und
erzielte in Europa und den USA durchschlagende Erfolge. Der Film sorgte
für eine Renaissance des Horrorfilms und für Hammer war dies
der Beginn einer höchst erfolgreichen Phase, die bis in die 70er Jahre
andauern sollte.
Ebenfalls
1958 arbeitete Lee in dem überaus gelungenen B-Picture Corridors
of Blood erstmals mit Horrorlegende Boris Karloff zusammen. Karloff
spielt hier einen Arzt im viktorianischen London, der bei seinen Forschungen
nach einem perfekten Anästehtikum einer Bande von Mördern in
die Hände fällt. Lee mimt darin einen pockennarbigen Strauchdieb
namens Resurrection Joe; eine zwar nur kleine Rolle, die aber erneut seine
darstellerische Vielseitigkeit vor Augen führt.
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| Ein
Jahr darauf versuchten Hammer mit ihrem Erfolgsteam Terence Fisher und
Jimmy Sangster abermals ihr Glück mit einem alten Universal-Monster,
und es entstand The Mummy: Eine 4000 Jahre alte Mumie wird nach
England gebracht, wo sie von einem Ägypter, der sich für die
Entweihung der Gräber rächen will, zum Leben erweckt wird. Gegenspieler
des Bösen ist hier wieder einmal Peter Cushing, diesmal in der Rolle
eines Ägyptologen, der sich recht bald mit der Mumie Christopher Lee
konfrontiert sieht. |
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Wie
schon in Curse of Frankenstein war auch dies wieder eine Rolle,
die Lee keinerlei Dialog bot – und ein solcher wäre ihm in seinem
Mumienkostüm auch schwer möglich gewesen, denn er war von Kopf
bis Fuß bandagiert. Besonders aufwendig gestaltet war das Make-Up
im Gesicht. Maskenbildner Roy Ashton entwarf speziell dafür künstliche
Augenlider, die über Lees paßten und sich im Einklang mit diesen
bewegten, wodurch nie der Effekt aufkam, der Darsteller würde durch
eine Maske sehen.
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| "Ich
habe in diesem Film Dinge getan, die Mr. Schwarzenegger möglicherweise
schwierig finden würde", erzählte Christopher Lee Jahre später
und tatsächlich wurden die Dreharbeiten zu The Mummy recht
schnell zu einer Tortur für ihn, denn das Make-Up war völlig
luftdicht und er konnte nur durch die Augenöffnungen atmen. Bei den
Actionszenen zog er sich diverse Verletzungen zu: So mußte er durch
richtige Glasscheiben hindurchstapfen und unter den Bandagen waren kleine
Sprengladungen angebracht, die Einschüsse simulieren sollten; ein
ausgesprochen effektiver Trick, der Lee jedoch einige Verbrennungen einbrachte. |
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Als
er eine Tür aufbrechen sollte, stellte sich heraus, daß diese
versehentlich noch verriegelt war; er schaffte es zwar, renkte sich jedoch
die Schulter aus. Kurz darauf mußte er für das Finale des Films
die Hauptdarstellerin Yvonne Furneaux 87 Schritte durch einen künstlichen
Sumpf tragen. Diese Szene mußte dreimal gedreht werden, was der verrenkten
Schulter nicht unbedingt gut tat. Doch trotz dieser unangenehmen Begleiterscheinungen
gelang es ihm hier abermals mittels einer nur von Gesten lebenden, einfühlsamen
Darstellung einer stummen Kreatur Leben und Emotionen einzuhauchen und
The Mummy wurde einer der schönsten Hammer-Klassiker.
Ebenfalls
1959 drehte Lee seinen ersten Film in Italien, Tempi duri per i vampiri,
eine
(mäßig lustige) Komödie, in der er als Vampir auftritt
und gewissermaßen sein eigenes Dracula-Image parodiert. Dieser Punkt
in Lees Filmographie ist eigentlich nur insofern interessant, als er zeigt,
daß sein Horrorstar-Image schon in dieser Zeit genügend ausgeprägt
war, um es zu persiflieren.
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