Vampyre Planet-Zine

Stories, Gedichte 
Fanfiction 
Rezensionen: 
Bücher & Comics
Interviews
Vamporium: Essays
Cinema
Musik
Fin de Siecle 
Mondgedichte
 


 
 
Vorschau:
Medusas Spiegelbild - Barbara Steele in "La Maschera del Demonio"

"Entering the cool, dark set was like entering a medieval cathedral on a midsummer afternoon. Echoes of an ancient civilization that has been dormant for centuries. This odd silence descended upon us, this hushed, suspended world ... The whole film was so monochromatic that nobody, not even a crew member, wore a single color on the set - hypnotically beautiful ..." 
Barbara Steele über die Dreharbeiten zu LA MASCHERA DEL DEMONIO

weiterlesen...


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Christopher Lee - Der letzte Horrorstar 
Thomas Wagner


Der britische Schauspieler Christopher Lee ist einer der letzten noch lebenden Vertreter des klassischen Horrorfilms: Er ist seit 56 Jahren im Filmgeschäft, spielte gemeinsam mit Leinwandlegenden wie Boris Karloff und Vincent Price, und entwarf mit seiner Darstellung des Dracula einen neuen Archetyp des Vampirs, der das Horrorkino über viele Jahre hinweg prägte. Von allen noch agierenden Schauspielern kann er in seiner Filmographie die meisten Rollen vorweisen: Zählt man Kinofilme und Auftritte in Fernsehserien zusammen, so kommt man auf über 230 Credits, ein Umfang, auf den man hier natürlich unmöglich angemessen eingehen kann. Doch es soll ein kleiner Überblick über Leben und Karriere dieses Veteranen geboten werden, und es sind oft genug gerade die unterbewerteten oder vergessenen B-Pictures, in denen sich seine beeindruckendsten Auftritte finden lassen … 
 
Christopher Frank Carandini Lee wurde am 27. Mai 1922 als zweites Kind des britischen Offiziers Geoffrey Trollop Lee und der italienischen Contessa Estelle Marie Carandini in London geboren. 1928 wurde die Ehe geschieden und Lees Mutter heiratete einen wohlhabenden Bankier; der kleine Christopher wurde zunächst auf eine Eliteschule in Oxford geschickt, wo er bald seine musischen Neigungen zu entdecken begann.
Er wirkte in Shakespeare-Inszenierungen des Schultheaters mit und lernte phantastische Literatur kennen, ein Gebiet, mit dem er sich bis zum heutigen Tage beschäftigt (so lernte er später z. B. Autoren wie Robert Bloch, Ray Bradbury und J.R.R. Tolkien kennen). Schließlich bestand er erfolgreich die Aufnahmeprüfung für das elitäre Eton College, wo niemand anders als M. R. James Dekan war, dessen phantastische Erzählungen Lee verehrte. Doch zu Lees großer Entäuschung wurde nichts aus Eton, denn die Finanzlage seines Stiefvaters begann sich zusehends zu verschlechtern. 
Man schickte ihn statt dessen auf das nicht ganz so exquisite Wellington College, eine mit militärischer Strenge geführte Schule, die Lee recht bald verabscheute. Er wurde ein Einzelgänger, ein "schwieriges Kind" und verstand sich mit seinen Mitschülern ebensowenig wie mit seinen Lehrern. "Ich war unter die Barbaren gefallen", erinnerte sich Lee, "und ich konnte nichts dagegen tun, als für die nächsten vier Jahre die Zähne zusammenzubeißen." Frustriert versuchte er sich über diese Zeit mit einer noch intensiveren Beschäftigung mit Literatur hinwegzutrösten: Er floh in die phantastischen Welten von Poe, Bierce, Blackwood, James und Stoker … 

1939 ging sein Stiefvater endgültig bankrott. Lee wurde vom College genommen und begann für 1 £ die Woche als Bürohilfe zu arbeiten, um die schlagartig verarmte Familie zu unterstützen. Die Langeweile des ungewollten Arbeitslebens ersetzte jetzt den verhaßten Schulalltag und wieder war es die phantastische Literatur, aber auch Theater und Film, die Lee einen Ausgleich zu dieser öden Existenz boten. Zu Beginn des Jahres 1941 meldete er sich schließlich freiwillig zur Royal Air Force, war zunächst in Afrika stationiert und wurde schließlich einer Geheimdiensteinheit zugeteilt. 1946 nahm er seinen Abschied aus der Armee und verzichtete auf eine weitere militärische Karriere: "Ich hatte keine Lust mehr. Fünf Jahre Krieg, dankeschön, sind genug für die meisten Menschen."
Der inzwischen 24jährige Lee beschloß sein Glück als Schauspieler zu versuchen und es gelang ihm, einen 7-Jahres-Vertrag von der damals führenden britischen Filmgesellschaft Rank Organisation zu erhalten, von der er auch eine umfassende schauspielerische Ausbildung erhielt. Im gleichen Jahr kam es in einer BBC-Fernsehshow auch zu seinem erstem Auftritt vor der Kamera, erste Filmauftritte boten sich ihm 1947, so u. a. auch eine Nebenrolle in Laurence Oliviers legendärer Hamlet-Verfilmung. In den kommenden Jahren folgten zahlreiche weitere kleine Rollen und zugleich konnte er seinen Lebensunterhalt auch durch die Arbeit als Synchronsprecher aufbessern, wobei ihm seine klangvolle und vielseitige Stimme (so verfügte er auch über eine Gesangsausbildung) sehr gelegen kam.

Im Jahr 1956 bahnte sich eine einschneidende Veränderung in Christopher Lees Karriere an. Die Produktionsfirma Hammer Film Productions Ltd. hatte im Verlauf der Nachkriegszeit umfangreichere Aktivitäten entwickelt; mit der Verbreitung des Fernsehens kam es jedoch zu einem Rückgang der Kinobesuche. Wollte man die Leute vom heimischen Sofa weg ins Kino locken, mußte man entweder mit teuren Weltstars aufwarten oder etwas Neues, Spektakuläres bieten. Hollywoodgagen konnte man sich bei dem Low Budget-Unternehmen Hammer nicht leisten, und so entschied man sich für letztere Variante und wandte sich phantastischen Elementen zu. Nach recht guten Erfolgen mit den Science Fiction-Filmen The Quatermass Xperiment (1955) und X – The Unknown (1956) beschloß man, ein Remake von James Whales Klassiker Frankenstein (1931) zu drehen. 

Hammer Productions waren sich durchaus des Risikos bewußt, das sie mit einem Frankenstein-Remake eingingen: In den 50er Jahren hatte Science Fiction den Horrorfilm immer mehr von den Leinwänden verdrängt. Das junge Publikum begeisterte sich an gigantischen, atomar mutierten Krabbeltieren und Ufos und ließ sich schwerlich durch die alten Schauergestalten beeindrucken. In den USA hatte die Produktionsgesellschaft Universal selbst zum Tod ihrer alten Monster beigetragen, indem sie seit den 40er Jahren immer haarsträubendere Sequels präsentierte, die mit den semiexpressionistischen Kunstwerken der 30er Jahre kaum noch etwas gemein hatten und sich oft unfreiwillig selbst parodierten. 
Wollte man das jetzige Publikum mit gotischem Horror konfrontieren, so mußte man ihn auf eine völlig neue, noch nie dagewesene Art präsentieren: Mit weniger Theatralik, dafür aber mit realistisch anmutenden Charakteren; mit komplexeren Drehbüchern und mit einem durchaus provozierenden Anteil an Gewalt und Sex (dies natürlich in den Bahnen der damaligen Möglichkeiten). 

Außerdem wurde hier erstmals in der Geschichte der Hammer Productions ein Farbfilm gedreht und die Möglichkeiten, die dieses Medium bot, sollten bis zur Neige ausgeschöpft werden: Blut war jetzt blutrot und sollte nicht zu sparsam Verwendung finden. 
All dies kombiniert sollte der typische Stil des "Hammer House of Horror" werden, und er wurde in The Curse of Frankenstein geboren. Drehbuchautor Jimmy Sangster schuf ein Skript, das nur noch vage auf Mary W. Shelleys Romanvorlage basierte und sich auch nicht wesentlich an den alten amerikanischen Verfilmungen der Universal orientierte. Hier stand nicht mehr das Monster, sondern sein Schöpfer im Vordergrund.
Hervorragend dargestellt von dem britischen Schauspieler Peter Cushing (1913-1994) präsentierte sich der Victor Frankenstein der Hammer-Version als ein hochintelligenter, gewissenloser Dandy voller Elan und zynischem Witz, dem jegliche moralischen Selbstzweifel und Schuldgefühle fremd sind. 
Für die Rolle des Monsters wurde Christopher Lee engagiert, den übrigens eine enge Freundschaft mit Hauptdarsteller Peter Cushing verband. Bis 1983 sollten die beiden Darsteller in insgesamt 21 Filmen gemeinsam vor der Kamera stehen.Aus Copyrightgründen durfte die Monstermaske keinesfalls der ähneln, die einst Boris Karloff in den Universal-Klassikern trug. Etwas anderes mußte entworfen werden, doch ein Konzept für eine neue Maske existierte noch nicht. Nach diversen mißratenen Versuchen kreierte Maskenbildner Phil Leakey schließlich eine zerstörte Physiognomie, die Lee wie das Opfer eines schweren Autounfalls aussehen ließ, ihm zugleich jedoch viel Spielraum für die mimische Darstellung der Kreatur ließ – ein wichtiger Faktor, denn das Monster sprach im ganzen Film kein Wort. 
 
Am 19. November 1957 begannen die Dreharbeiten zu The Curse of Frankenstein. Drehort war ein zwischen Windsor Castle und dem Dorf Bray gelegener Landsitz, den Hammer erworben und Bray Studios getauft hatten. Das authentische Umfeld des dort gelegenen alten Herrenhauses ersparte die Kosten für aufwendige Kulissen und wirkte zugleich auch viel authentischer; bis zum Ende der 60er Jahre entstanden dort nahezu sämtliche Horrorfilme der Hammer Productions. Angemessen umgesetzt wurde die Geschichte von Terence Fisher (1904-1980), dessen Name untrennbar mit den Hammer-Klassikern verbunden ist. Sein gediegener, doch trozdem dynamischer Regiestil war perfekt für gotischen Horror.
"Jede Einstellung ist wie eine Seite aus einer Gothic Novel", schrieb der US-Filmhistoriker Mark A. Miller über Fishers Bildsprache. The Curse of Frankenstein wurde in knappen 2 Monaten fertiggedreht und erzielte in Europa und den USA durchschlagende Erfolge. Der Film sorgte für eine Renaissance des Horrorfilms und für Hammer war dies der Beginn einer höchst erfolgreichen Phase, die bis in die 70er Jahre andauern sollte.

Ebenfalls 1958 arbeitete Lee in dem überaus gelungenen B-Picture Corridors of Blood erstmals mit Horrorlegende Boris Karloff zusammen. Karloff spielt hier einen Arzt im viktorianischen London, der bei seinen Forschungen nach einem perfekten Anästehtikum einer Bande von Mördern in die Hände fällt. Lee mimt darin einen pockennarbigen Strauchdieb namens Resurrection Joe; eine zwar nur kleine Rolle, die aber erneut seine darstellerische Vielseitigkeit vor Augen führt. 
 
Ein Jahr darauf versuchten Hammer mit ihrem Erfolgsteam Terence Fisher und Jimmy Sangster abermals ihr Glück mit einem alten Universal-Monster, und es entstand The Mummy: Eine 4000 Jahre alte Mumie wird nach England gebracht, wo sie von einem Ägypter, der sich für die Entweihung der Gräber rächen will, zum Leben erweckt wird. Gegenspieler des Bösen ist hier wieder einmal Peter Cushing, diesmal in der Rolle eines Ägyptologen, der sich recht bald mit der Mumie Christopher Lee konfrontiert sieht.
Wie schon in Curse of Frankenstein war auch dies wieder eine Rolle, die Lee keinerlei Dialog bot – und ein solcher wäre ihm in seinem Mumienkostüm auch schwer möglich gewesen, denn er war von Kopf bis Fuß bandagiert. Besonders aufwendig gestaltet war das Make-Up im Gesicht. Maskenbildner Roy Ashton entwarf speziell dafür künstliche Augenlider, die über Lees paßten und sich im Einklang mit diesen bewegten, wodurch nie der Effekt aufkam, der Darsteller würde durch eine Maske sehen. 
"Ich habe in diesem Film Dinge getan, die Mr. Schwarzenegger möglicherweise schwierig finden würde", erzählte Christopher Lee Jahre später und tatsächlich wurden die Dreharbeiten zu The Mummy recht schnell zu einer Tortur für ihn, denn das Make-Up war völlig luftdicht und er konnte nur durch die Augenöffnungen atmen. Bei den Actionszenen zog er sich diverse Verletzungen zu: So mußte er durch richtige Glasscheiben hindurchstapfen und unter den Bandagen waren kleine Sprengladungen angebracht, die Einschüsse simulieren sollten; ein ausgesprochen effektiver Trick, der Lee jedoch einige Verbrennungen einbrachte.
Als er eine Tür aufbrechen sollte, stellte sich heraus, daß diese versehentlich noch verriegelt war; er schaffte es zwar, renkte sich jedoch die Schulter aus. Kurz darauf mußte er für das Finale des Films die Hauptdarstellerin Yvonne Furneaux 87 Schritte durch einen künstlichen Sumpf tragen. Diese Szene mußte dreimal gedreht werden, was der verrenkten Schulter nicht unbedingt gut tat. Doch trotz dieser unangenehmen Begleiterscheinungen gelang es ihm hier abermals mittels einer nur von Gesten lebenden, einfühlsamen Darstellung einer stummen Kreatur Leben und Emotionen einzuhauchen und The Mummy wurde einer der schönsten Hammer-Klassiker. 

Ebenfalls 1959 drehte Lee seinen ersten Film in Italien, Tempi duri per i vampiri, eine (mäßig lustige) Komödie, in der er als Vampir auftritt und gewissermaßen sein eigenes Dracula-Image parodiert. Dieser Punkt in Lees Filmographie ist eigentlich nur insofern interessant, als er zeigt, daß sein Horrorstar-Image schon in dieser Zeit genügend ausgeprägt war, um es zu persiflieren.
 


>>>>>