BLUTIGE
SEIDE
(SEI
DONNE
PER
L'ASSASSINO) Italien
1964
Regie:
Mario Bava
Darsteller:
Eva Bartok, Cameron Mitchell, Thomas Reiner, Lea Krüger
DVD,
Anolis/e-m-s, ca. 85 min., FSK ab 16
Die
verwitwete Contessa Christiana Cuomo betreibt zusammen mit Massimo Morlacchi
einen Haute Couture-Modesalon in Rom. Eines Abends wird im Park vor dem
Salon das Model Isabel Opfer eines brutalen Mordanschlags. Als die Polizei
unter der Leitung von Inspektor Sylvester in dem Salon zu ermitteln beginnt,
offenbart sich dort ein undurchschaubarer Sumpf aus Drogen, Korruption
und Erpressung. Isabels Tagebuch, das offensichtlich Aufzeichnungen über
all diese Affären enthält, wird von Nicole gefunden, die es später
der Polizei übergeben will; unbemerkt kann es jedoch ihre Kollegin
Peggy an sich nehmen. Als Nicole in der gleichen Nacht ihren Geliebten,
den kokainsüchtigen Franco Scaolo in seinem Antiquitätenladen
besuchen will, wird sie von einem maskierten Mann attackiert, der sie durch
das Geschäft jagt und schließlich tötet. Nachdem der Mörder
die Leiche vergeblich nach dem Tagebuch durchsucht hat, beschließt
er, sich Peggy zu widmen...
Mit
dem 1964 entstandenem "Blutige Seide" (im Original "Sei donne per l'assassino"
= Sechs Frauen für den Mörder) erschuf Regisseur Mario Bava den
definitiven Archetyp des typisch italienischen Thrillers, des Giallo ("Giallo"
bedeutet nichts anderes als "gelb" und bezieht sich auf die gelben Umschläge
der damals sehr erfolgreichen italienischen Groschenromane). Zwar hatte
Bava sich bereits zuvor in der Hitchcock-Parodie "La ragazza che sapeva
troppo" mit der Materie beschäftigt, doch erst in "Blutige Seide"
nahmen die für dieses Subgenre typischen Elemente richtig Gestalt
an: Die konventionellen Krimi-Elemente (die langwierige Ermittlungsarbeit
der Polizei, ein Detektiv als Held etc.) werden hier in den Hintergrund
geschoben oder einfach schlichtweg ignoriert. Die Morde als solche und
die Art wie sie geschehen stehen hier im Vordergrund und werden zu einer
makabren Kunstform erhoben.
Anders
als im modernen Slasherfilm der stereotypen Machart, wird in "Blutige Seide"
keinesfalls kübelweise Kunstblut verschüttet, dennoch - oder
besser: gerade wegen des Verzichts auf überdrastische Stilmittel -
ist die ästhetisierte Grausamkeit des Films berückend: Genau
wie ein rundes Jahrzehnt später Dario Argento, kreierte Bava hier
eine Form von "Todeskunst". Tödlich schön sind die Leichen in
den durchgestylten Bildern arrangiert; blutrote Symbole (die lackierten
Fingernägel und die Lippen der Models, die Vorhänge im Salon,
Kleider, Telefone...) dominieren die Szenerie und ersetzen das profane
Kunstblut auf eine unschlagbar elegante Weise. Obwohl die Motivation für
die Morde rein materieller Natur (Habgier und Erpressung) ist, durchzieht
Blutige Seide ein beunruhigender fetischistischer Touch; auch das Giallo-typische
Killeroutfit (der dunkle Regenmantel, Hut, schwarze Handschuhe) wird hier
erstmals richtig kultiviert und sollte in den kommenden Jahren beinahe
zu einem Markenzeichen dieses Genres werden.
Die
ganze Stimmung ist zynisch und paranoid: Niemand der Protagonisten ist
völlig unschuldig, niemand traut dem anderen, es gibt keinen "guten
Helden" der für den Zuschauer als Sympathieträger agieren könnte
- die "anständigen" jungen Mädchen und "aufrechten" Hüter
des Gesetzes, die für die deutschen Edgar Wallace-Verfilmungen der
60er Jahre typisch sind, sucht man hier ebenso vergebens wie die klamaukhaften
Komikeinlagen. |
 |
Kritiker,
die nach moralisch erhebenden Untertönen suchen, sind bei "Blutige
Seide" definitiv an der falschen Adresse. Vielmehr entwirft der Regisseur
hier einmal wieder ein desillusioniertes und zynisches Bild vom homo sapiens
als triebhafte und raffgierige Kreatur: Die Protagonisten scheinen allesamt
seelische Krüppel zu sein, niemand von ihnen ist fähig "normale"
menschliche Emotionen zu empfinden - ein Paradebeispiel dafür ist
der kokain- süchtige Antiquitätenhändler Franco, der auf
die Tatsache, daß kurz nacheinander zwei Frauen, mit denen er ein
Verhältnis hatte, Opfer eines sadistischen Killers werden, relativ
unbeeindruckt reagiert und erst dann menschliche Regungen zeigt, als er
selbst verdächtigt wird. Nur Contessa Christiana erscheint - trotz
ihrer Verstrickung in die Verbrechen - fast schon wieder als Sympathieträger;
sie ist eine von Bavas typischen, starken und zugleich tragischen Frauenfiguren,
wie sie z. B. auch sein Debüt "Die Stunde wenn Dracula kommt" oder
das sadomasochistische Horrordrama "Der Dämon und die Jungfrau" prägten.
"Blutige
Seide" ist eines der wichtigsten Kapitel in Mario Bavas Karriere, denn
der Film markiert die Entwicklung des Regisseurs zu einem "modernen" Filme-
macher. Die stilistisch einengenden Grenzen des Gothic-Horrors sind in
diesem, in der Gegenwart angesiedelten Film (dessen Kosmos dennoch alles
andere als nüchterner Realismus ist) nicht mehr vorhanden. Visuell
erscheint der Film als ein perfekt photographiertes Meisterwerk von einer
geradezu berauschenden sinnlichen Schönheit in Farben und Licht.
Zur
DVD-Umsetzung:
Bereits
vor zwei Jahren brachte Anolis Entertainment (in Zusammenarbeit mit dem
Filmclub Buio Omega) diesen Klassiker heraus, damals jedoch als umfangreich
ausgestattete Limited Edition im luxuriösen Samtschuber. Natürlich
war diese Ausgabe recht bald vergriffen und erzielt heute stolze Sammlerpreise.
Die jetzige Neuauflage (im Vertrieb von e-m-s) präsentiert eine gründlich
"abgespeckte" Version der DVD: Ein Großteil des Bonusmaterials wurde
entfernt, es gibt nur die deutsche Tonspur, das Booklet wurde durch einen
einfachen Kapiteleinleger ersetzt und selbstverständlich fiel auch
der Samtschuber weg. Das mag man zwar bedauern, doch gegenüber den
Filmfans, die damals den doch recht stolzen Preis für die Limited
Edition gezahlt haben, ist diese Vorgehensweise nur fair.
Davon
abgesehen wird der Film an sich hier immer noch in der gleichen Qualität
präsentiert und die kann sich nun wirklich sehen lassen: Der anamorphe
Bildtransfer bietet exzellente Kontraste, eine gute Schärfe, bringt
die kräftigen Farben hervorragend zur Geltung und läßt
im Vergleich die amerikanische DVD-Veröffentlichung von VCI weit hinter
sich. Auch der Ton (Deutsch in DD 2.0 Mono) ist für das Alter des
Films sehr gut ausgefallen, auffällige Störungen gibt es keine
zu verzeichnen und auch die altersbedingte leichte Dumpfheit läßt
sich ohne Probleme tolerieren. Wie bereits erwähnt, sind die Extras
bei dieser Ausgabe halt eher bescheiden ausgefallen: Es gibt nur den deutschen
Kinotrailer und eine kleine Bildergalerie.
©Thomas
Wagner
|